Nach nunmehr einigen Wochen Dauer-Rotation im CD-Player bin ich geneigt zu sagen: das bis dato vielleicht stärkste Kamelot-Album.
Es mag sein, dass so mancher Fan, der Scheiben wie "Epica" oder "The Black Halo" toll fand, zum aktuellen Werk zunächst nicht so recht Zugang finden wird. Aber das ist OK so - soll er auch nicht auf Anhieb. "Poetry For The Poisoned" ist, wie es für die Band seit einigen Alben typisch geworden ist, ein weiterer Schritt nach vorne. Altbekanntes wird hier nicht neu aufgewärmt - Kamelot erfinden sich ein Stück weit neu und klingen doch wieder absolut nach sich selbst.
Der Sound ist im Vergleich zum Vorgänger "Ghost Opera" nochmals um eine Ecke düsterer und melancholischer geworden. Das steht der Band äußerst gut zu Gesicht und entschärft auch den Kitsch-Faktor, den man ihnen in der Vergangenheit gerne mal vorgeworfen hat. Im Vergleich zu "Ghost Opera" ist "Poetry..." etwas weniger pompös und durchorchestriert (auch wenn es weiterhin viele solche Elemente zu hören gibt), dafür für mein Empfinden etwas härter und aggressiver.
Instrumentale Frickelorgien oder Riff-Exzesse gibt es keine - die Musik ist zwar teilweise komplex und sehr aufwändig arrangiert, aber alle Songs sind zu 100% auf Melodien und Gesang ausgerichtet. Sänger Roy Khan brilliert wie immer und liefert hier einige seiner packendsten und emotionalsten Darbietungen ab - großartiger Typ!
Das Songwriting ist hörbar ambitioniert. Es ist sehr offensichtlich, dass Youngblood und Khan sich viel Mühe gemacht haben, Arrangements und Melodien interessant und eigenständig zu gestalten. Sämtliche (Power-)Metal-Klischees und vorhersehbar eingängige Singalongs werden konsequent umschifft. Man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, irgendwo schon mal etwas Ähnliches gehört zu haben. Das ist absolut lobenswert und klingt in der Praxis richtig toll, allerdings macht es "Poetry For The Poisoned" ganz definitiv zu einem Album, das Zeit und Gelegenheit braucht, sich in die Gehörgänge zu stehlen. Ein gesanglich total schräges Stück wie "If Tomorrow Came" z.B. wollte bei mir lange Zeit einfach nicht zünden und ich wusste gar nicht richtig etwas damit anzufangen. Mittlerweile empfinde ich besonders den Refrain als richtig süchtig machend!
Auch im instrumentalen Bereich gibt es immer wieder Parts, die zunächst reichlich abenteuerlich und schräg anmuten, die aber, wenn man es mal erfasst hat, sehr viel zur extrem dichten Atmosphäre dieses Albums beitragen. Das ist für mich letztendlich vielleicht das Faszinierendste an "Poetry For The Poisoned". Kamelot schaffen es, über die gesamte Album-Dauer hinweg eine unglaublich intensive, düstere und packende Stimmung zu erzeugen, die sich bereits in den ersten Sekunden des fantastischen Openers "The Great Pandemonium" (was für ein Refrain!) einstellt und einen immer noch im Bann hält, wenn der letzte Ton der CD verklungen ist. Und das ist heutzutage mittlerweile alles andere als üblich.
"Poetry For The Poisoned" ist unglaublich detailverliebt und sorgfältig komponiert und arrangiert, hochmelodisch, extrem eigenständig und sehr packend. Definitiv das ausgereifteste, atmosphärisch dichteste, und vielleicht auch das beste Album von Kamelot.
Anspieltipps:
The Great Pandemonium
If Tomorrow Came
The Zodiac
Poetry For The Poisoned Pt. I-IV
Ein Tipp noch für diejenigen, die sich zum Kauf entschlossen haben: gönnt euch die "limited deluxe edition". Die ist kaum teurer als die Standard-Ausführung und beinhaltet neben der Bonus-DVD vor allem eine großartige Coverversion von Nick Caves "Where The Wild Roses Grow". Der Song passt wunderbar zum Rest des Materials und wertet die ohnehin tolle CD nochmals auf!