Ich hatte gerade „Frl. Ursula" von Heiner Link gelesen, ein Buch, das mich köstlich amüsierte, und mir war nach Kontrast zu Mute. Mit „Poesie der Hölle" vermeinte ich, zum richtigen Buch gegriffen zu haben, denn noch war mir „Potsdamer Platz" vom selben Autoren in bester Erinnerung, was „harten Thrill" betraf.
Wie ich las, war dies das zweite Buch des in Staten Island (NY) geborenen, früheren „Heavy-Metal-Rockers", der heute hauptsächlich Filme produzieren würde, wenn man ihn ließe wie er wollte und wie er kann (1986 „Combat Shock", 1995 „No way home" (Unter Brüdern), 2003 ein Film der Serie „Polizeiruf 110", nur um die letzten drei Filmproduktionen zu erwähnen von einer Vielzahl die ich feststellen konnte).
Und Buddy Giovinazzo schreibt Romane „...weil es mich frustrierte, ständig Scripts zu verfassen, die nicht verwirklicht wurden. Außerdem kann ich Dinge schreiben, die man niemals im Film zeigen könnte".
Ich hatte zum richtigen Buch gegriffen, doch aus ganz anderen Gründen.
Mit „Poesie der Hölle" ist dem Autoren ein Roman gelungen, der nichts mit einem „Thriller" im üblichen Sinne gemein hat. Den Touch einer Krimi-Story erhält das Buch auch erst relativ spät, als die Schwester des Ich-Erzählers Eddie (Gehirntumor, Chemotherapeutika und alle möglichen Drogen) ermordet wird. Er entzieht sich zeitweise dem Todeskampf gegen seine Krankheit, um den Mörder zu finden und zu bestrafen.
Was das Buch unterscheidet vom oft durch Fachjournalisten hochgelobten Literaturmüll, ist die absolut beeindruckende Sprache, die mich an Charles Buckowskis beste Zeiten erinnert.
Dem Autoren gelingt es durchgehend, den Leser an einer wilden Achterbahn an Halluzinationen, dem Grenzgebiet von Tagträumen und Wirklichkeit, den Auswirkungen der Agonie einer unheilbaren Krankheit teilhaben zu lassen, die seinesgleichen sucht. Bilder der Drogen- und Sado-Maso-Szenen bleiben nachhaltig haften.
Giovinazzos Welten erscheinen eher schrill und unbarmherzig als gefällig und leicht verdaulich. Das mag manch einen vergraulen. Den Vergleich mit „Letzte Ausfahrt Brooklyn" braucht der Autor nicht zu scheuen. Ich gehe einen Schritt weiter, er macht Hubert Selbys Meisterwerk vergessen.
„Amerika ist eine Drogengesellschaft", sagt der Autor, der nach eigenem Bekunden „katholisch erzogen" wurde und sich als „später geheilt" bezeichnete, wohl weil er die Gabe hat, mit offenen, wachen Augen seine Umwelt nicht nur zu streifen, sondern mit seiner trockenen, fast atemlos hämmernden Ausdrucksweise auch festzuhalten.
Wie erlebt ein Charles Buckowski Welterfolge, fragt man sich, während dieses Genie des Großstadtmelodrams bis zum heutigen Tage nur einem kleineren, wenngleich keinem kleinen Publikum bekannt ist? Vielleicht nur, weil Buckowski über seine Erfolge sprach und so tat, als hätte er selbst all das erlebt von dem er schrieb. Giovinazzo hingegen bemerkt leicht resignierend in einem Interview: „Einige Verleger haben mich abgelehnt, weil ich nicht der Junkie bin wie ich ihn beschreibe."
Ein tolles, ein spezifisches Buch, das sich stellenweise ähnlich einem Rap-Song liest, dessen Zeilen man frisst, das einem schwindlig macht, wenn man sich auf dieses Tempo des Autoren einlässt.
Genial. Einfach genial. HMcM