In gewisser Weise schließt die neue CD von Renée Fleming an ihr Album "Homage. The Age of the Diva" von 2006 an. Und das war schon keine leichte Kost. Nachdem uns die amerikanische Starsopranistin zwischenzeitlich u.a. mit einem mäßig gelungenen Ausflug in die Popmusik überrascht und einer Best-of-Sammlung im Programm "Schöne Stimmen" auf die Folter gespannt hat, liegt jetzt mit "Poèmes" fürwahr keine leichte Belcanto-Kost vor.
Dafür bürgen schon die Namen der drei Komponisten, denen die schöne Amerikanerin hier "ihre Stimme geliehen" hat.
Messiaen (1908-1992) und Dutilleux (Jahrgang 1916) gehören zu den zeitgenössischen Komponisten - letzterer hat das hier enthaltene Stück "Le Temps L'Horloge" eigens für Renée Fleming komponiert -, und Ravel (1875-1937) weist trotz seines ästhetizistischen Anspruchs ebenfalls tief in das 20. Jahrhundert hinein.
Und ... ja ... dergleichen Musik muss man mögen. Nichts für Anfänger. Allenfalls noch der "Shéhérazade" von Ravel kann (und muss!) jeder musikalische Schöngeist etwas abgewinnen. Die anderen Stücke erschließen sich nicht so ohne Weiteres.
Bei aller klanglichen Komplexität wissen die beiden französischen Orchester unter Alan Gilbert beziehungsweise Seji Ozawa zu überzeugen: Hier wird geschmeidig musiziert, mit viel Gespür für die kleine Geste, dynamisch, feinzeichnend und klangvoll. (Gilberts Dirigat fällt gegenüber dem von Ozawa etwas ab.)
Und Renée Fleming stellt einmal mehr ihre Weltklasse unter Beweis. Und sie weiß sehr genau, dass himmelstürmende Koloraturen nicht mehr ihre Stärke sein können. Sie gestaltet klug, zurückgenommen, mit dramatischer Spannung, golden schimmernd im Klang, kaum jemals gaumig oder teigig - das ist ihr Stimmrisiko - mit Akzenten auf den musikalischen Miniaturen und Zwischentönen, schön, elegant, sicher und ohne jede Attitüde. (Das französische Idiom bereitet ihr im Übrigen keinerlei Probleme.) The golden voice is back.
Musikalisch-stimmlich also eine beeindruckende Vorstellung. Das Repertoire indes muss einem liegen. Die Abschlussbewertung fällt daher nicht leicht. Und wird nicht auf ungeteilte Zustimmung treffen. Vier Punkte vor allem für Flemings sinnliche und sensible Interpretation.