Aus der Amazon.de-Redaktion
Der vierte Band der Pocahontas-Reihe ist die späte Interpretation eines frühen literarischen Skandals der Bundesrepublik: Arno Schmidts Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas. 1955 erschienen, wurde sie von der konservativen Kritik sofort unter Pornografieverdacht gestellt und brachte ihrem Verfasser eine Klage wegen Gotteslästerung ein. Es geht um die Urlaubserlebnisse zweier älterer Kriegskameraden am niedersächsischen Binnensee Dümmer. In der Ich-Erzählung überlagern sich die Schilderungen der sexuellen Reize am See mit den Erinnerung ans Kriegsgeschehen. Sexualität als Aulöschung des Nazismus, "Seelandschaft als ... Sexlandschaft", die latente Gewaltätigkeit der Körperszenen: Das sind die Motive, die Theweleits close reading verfolgt.
Entstanden ist, laut Eigenwerbung, "ein Buch für Literaturverrückte", geschaffen, um zu "zeigen, wie ein literarisches Labyrinth funktioniert." Nun sind literarische Labyrinthe nicht weniger unerforscht wie der Nachweis, dass Schmidt ein notorischer Textverschlüssler ist. Ungewöhnlich ist freilich, wie Theweleit zu Werk geht (und wer ihn bisher nicht kennt, wird staunen!): Hier hat man es mit einer zerebralen Artistik zu tun, die sich ganz dem Gedankenblitz, dem Fundstück hingibt. Zu sehr, kann man finden. Das Problem an Theweleits hartnäckig unorthodoxer Polyhermeneutik ist nicht, dass sie unzulässig wäre; das Problem ist, dass ihre vielfältigen Illustrationen von der großen These (etwa: die Dialektik von Befreiung und Sexualität) ablenkt. Kopfschmerzen statt Erkenntnisfever. Was (hängen)bleibt ist eine atemberaubende Zusammenschau aus Pornocartoons, Groschengromanen, Filmtrivia und dem Schlagerrefrain von Peggy Lees "You Give Me Fever", der sich wie ein Cantus firmus durch dieses Buch zieht. Und trotz der bisweilen anstrengenden Banalität der Konjekturen liefert Klaus (für manche nur: "The Wehleid") Theweleit die Umsetzung eines diskurstheoretischen Glaubensbekenntnisses, das zeitgemäßer erscheint als die formalen und analytischen Verpflichtungen an die good old times der deutschen Geisteswissenschaft. Und wie immer: Viele schöne Bilder sind auch dabei! --Nikolaus Stemmer