Audiobook-Rezensionen
Lolita, der Skandalroman, ist bekannter als Pnin, wenngleich Nabokov zumindest teilweise zeitgleich die beiden Romane schrieb. Der Roman um den tragikomischen Exilrussen scheint nur auf den ersten Blick leicht und oberflächlich. Bei näherem Hinhören tun sich menschliche Abgründe auf.
Tomofey Pnin lehrt am Waindell College russische Literatur. Obwohl amerikanischer Staatsbürger, kann er sich doch in den wenigsten Fällen nicht mit dem American Way of Life arrangieren und bleibt immer ein Fremder. Deutlichster Ausdruck davon ist sein noch immer unglaublich schlechtes Englisch. Protegiert wird Pnin von Herman Hagen, dem Leiter der Germanistik-Abteilung. Ansonsten wird er belächelt, verspottet oder sogar gemieden. Die Ironie des Schicksals will, dass er gerade, als er sich endlich niederlassen möchte, ein eigenes Haus kaufen will, Opfer des McCarthyism wird!
Ein allwissender Erzähler erzählt in der Ich-Form: Momentaufnahmen aus Pnins Leben, Anekdoten, Situationen, in denen er vergeblich versucht, mit den Wirren des Alltags fertig zu werden, reihen sich aneinander. Rückblenden, sprachliche Slapstick-Einlagen und gesellschaftspolitische Überlegungen wechseln einander dabei ab. Die Sprache trifft genau die Banalitäten und Tücken des Alltags; die Beobachtung ist geradezu detailversessen.
Genauso wie Pnin lehrte Vladimir Nabokov selbst von 1948 bis 1959 an einer amerikanischen Provinzuniversität. Er wurde 1899 in St. Petersburg als Sohn einer russischen Aristokratenfamilie geboren. Nach der Oktoberrevolution lebte er mit seiner Familie in England, wo er in Cambridge studierte, in Deutschland und dann in Paris. 1940 floh er in die USA. 1961 kehrte er wieder nach Europa zurück und lebte bis zu seinem Tod 1977 im schweizerischen Lausanne.
Ulrich Matthes hält die ganze Lesung hindurch die adäquate Stimmlage: Er liest die teilweise sehr langen Sätze mit ihrer Fracht an Beobachtung in einem hohen Ton bis zu ihrer Auflösung. Brillant auch der mühelose Wechsel in den russischen Dialekt. Man kann sich an diesen Sprachkosmos immer wieder aufs Neue anhören. Egal, welche CD man wählt, man findet hinein. Vollständige Lesung, Spieldauer: ca. 423 Minuten, 6 CD.
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Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2002
"Schiere Betörung" hat Rezensent Jochen Hieber erlebt, der hingerissen lauter Höchstwertungen vergibt. An Regisseur Ralph Schäfer ("kein Satz verstümmelt, kein Kapitel gestrichen"), an Übersetzer Dieter E. Zimmer ("immer wieder zu Recht gerühmt") und besonders an Vorleser Ulrich Matthes. Der Schauspieler lese "erlesen, ohne je zeremoniell gar feierlich zu werden", "langsam, ohne je behäbig zu wirken". Dadurch gewinnen Nabokovs Sätze für Hieber Luftigkeit und Musikalität. Jeder Figur gebe Matthes zudem einen eigenen Ton. Besonders virtuos ist das nach Ansicht des Rezensenten bei der Titelfigur Pnin gelungen, den die Oktoberrevolution aus St. Petersburg in "die Odysseen des Exils" gejagt habt. Nabokov lasse ihn "gebrochen amerikanisch, Dieter E. Zimmer in der Übersetzung ein fabelhaft gebrochenes Deutsch" sprechen. Mirakulös setze Matthes diese Sprachpartitur in Sprachklang um, "ohne sich auch nur einen Augenblick lang ins Satirische, Karikierende oder Klischeehafte" zu verlieren.
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