Nach den Worten des Autors will der Neuplatonismus, der das letzte große System der griechischen Philosophie war, die abschließende Synthese der gesamten antiken Philosophie sein. Da dieses Buch wiederum den Kern dieser Philosophie prägnant und lebendig dar- und herausstellt, ist auch ein Laie mit diesem Buch sehr gut bedient, wenn er das Wesen der griechischen Philosophie und des griechischen Geistes kennenlernen will.
So werden dem Leser auf kompetente Art die Schlüsselstellen der neuplatonischen Philosophie nahe gebracht, also der Begriff und die Bedeutung des Einen, das Denken dieses Einen und das Übersteigen dieses Denkens in einer reinen Transzendenz. Es wird die Paradoxie behandelt, dass das Absolute, das das Ganze des Seienden und Denkbaren begründet, selber nur noch als Nichts gedacht werden kann, wodurch sich der höchste Gedanke des Platonismus ergibt, nämlich die vollkommene Transzendenz des Absoluten und das Denken dieses Absoluten durch eine strikte negative Dialektik bzw. negative Theologie.
Dadurch, dass der Geist als die Einheit der Wirklichkeit gedacht wird und nicht nur die Materie, sondern die gesamte Welt als Produkt oder Konstrukt der Seele angesehen wird, ergibt sich darüber hinaus die nach Halfwassen innere Wesensverwandtschaft zum spekulativen Deutschen Idealismus der Neuzeit.
Doch das ist nicht der einzige Bezug zu unserer heutigen Welt und unserem heutigen Denken. Halfwassen setzt sich in seiner Darstellung des Neuplatonismus auch mit den Verbindungen zur parallel entstehenden christlichen Theologie auseinander und deckt die entscheidende Rolle auf, die der Neuplatonismus bei der Bildung des christlichen Gottesbildes im 4. Jahrhundert spielte. So gehört es für Halfwassen zu den merkwürdigsten Ironien der Geschichte, dass ausgerechnet der Plotin-Schüler und ausgewiesene Christengegner Porphyrios maßgeblich die trinitarische Gottesvorstellung mitentwickelte, die die Christen dann - zwar nicht als geistiges Geschehen in der Seele, sondern als personale Götter - verstanden und übernahmen. Das paradoxe Problem, einen dreieinigen Gott zu denken, der weiterhin mit dem biblischen Monotheismus vereinbar ist, ist also durch Porphyrios gelöst worden, wobei das nach Halfwassen durch keinen geringeren als den Kirchenvater Augustinus bestätigt wird.
Halfwassen gewährt nicht nur einen Einblick in die Keimzelle der natürlichen Entstehung des christlichen Gottesbildes, sondern er spürt dem christlichen Neuplatonismus noch weiter nach und unterscheidet vom Neuplatonismus her darin zwei Linien. Zum einen Victorinus, Augustinus und Boethius, die ihren Gott zwar als das neuplatonische Eine denken, aber vor der letzten Konsequenz des Plotinischen Denkens zurückschrecken, und zum anderen eine Linie, die in der Unbestimmtheit des Göttlichen noch näher an Plotin bleibt. Dafür steht vor allem der christliche Autor «Dionysius Areopagita», sowie Eriugena und Meister Eckhart. Mit Eckharts Verurteilung findet das griechische Denken im Christentum, das Halfwassen konsequent aufdeckt, erst im Mittelalter endgültig sein Ende.
Dieses Buch von Halfwassen behandelt also nicht nur das Wesen des Neuplatonismus, sondern auch seine weitreichenden Beziehungen und Folgen, d.h. es ist im Grunde eine tiefgründige Darstellung des einschneidendsten Wechsels in unserer abendländischen Geistesgeschichte, nämlich die Ablösung des griechischen Denkens und Weltbildes durch den jüdischen Geist in Form des Christentums. Dass dabei das Christentum sozusagen ein natürliches Ergebnis des Zusammenstoßes dieser beiden großen aber äußerst gegensätzlichen Geistesströmungen ist, das wird durch die Ausführungen von Halfwassen verstehbar und nachvollziehbar. Wen diese natürlichen Zusammenhänge in unserer abendländischen Geistesgeschichte interessieren, für den ist dieses exzellente Buch genau das Richtige.