British ist in. Derzeit entert junge, aggressiv-unkonventionelle Kunst aus Großbritannien erfolgreich den Standort Deutschland. Ob nur unfein oder doch mindestens pornografisch -- britische Gegenwartskunst blickt hinter die Glanzfassade der Gesellschaft und reißt Muff und Alltag ans Licht. Wegen diesem Bekenntnis zur Realität, das einhergeht mit der Lust an schockprovozierender Zuspitzung des Ganzen im Detail, wird Young British Art auch hierzulande nachempfunden und goutiert. YBA taucht erläuterungsfrei im Kodex intellektueller Diskurse auf, wenn es um die angry young people geht, die Krudität und Ungeschminktheit zu ihrem Thema erhoben haben. Gerade die Theaterstücke britischer Autoren haben im deutschsprachigen Raum für Furore gesorgt, weil sie das öde Leben zeigen. Eine Wirklichkeit, die auf der Bühne lakonisch formuliert, zum Komischen hin gebrochen wird.
Junge britische Dramatik beschäftigt sich dort mit der Gesellschaft, wo sie verunsichert, visionslos und schmutzig ist. Sie schreibt Stücke, denen man anmerkt, daß ihre Plots direkt aus dem Leben gegriffen sind, angehaucht mit Elements of Crime in den Sackgassen des Daseins. Die ersten Aufführungen an zeitgenössischen Theatern bezogen zudem ihren Reiz aus der Not. Sprich: Kurzen Probenzeiten, die sie gegen inszenatorischen Ballast immun machten.
Die vier wichtigsten Dramatiker, die inzwischen auch im deutschen Bühnenwesen angekommen sind, werden hier vorgestellt. Playspotting. Die Londoner Theaterszene der 90er zeigt Marina Carr, Martin Crimp, Sarah Kane und Mark Ravenhill anhand von Interviews und je eines Stückes.
Die Texte sind dialogisch und radikal fragmentarisch. Es geht um Figuren ohne biografische und psychologische Überladung innerhalb einer Welt, in der der Mythos fehlt, unsichtbar oder verzerrt ist. Sarah Kane hat ihrem Debüt Zerbombt, das wegen der expliziten Darstellung von psychischer und physischer Gewalt zu einem der größten Theaterskandale der letzten dreißig Jahre führte, ein Stück nachgeschoben, das den latenten Psychoterror im Umfeld der Liebe zeigt.
Phaidras Liebe zeigt die Essenz der klassischen Tragödie in den Fängen der Gegenwart. Prinz Hippolytos ist ein apathisches, zynisches Wrack, dem die Welt bereits kollabiert ist. Fast Food, schneller Sex, Filme als Blickfang. Nichts. Und Königin Phaidra in der fatalen Abhängigkeit nicht erwiderter Liebe. Tötet sich nach fortgesetzter Demütigung. Und liefert auch den Geliebten ans Messer. Das Messer wird letztlich alle ereilen und die Leben beenden, denen Depression als Wahrnehmungsbasis diente.
Auch bei Mark Ravenhill ist den Helden irgendwann der Stil weggebrochen, die Farbe abgeblättert. In Shoppen & Ficken plätschert das Leben dahin, Small talk wird zur Grundausstattung. Charaktere, die wie der Rausch sind, den die Drogen, die sie gelegentlich nehmen, hinterläßt, träumen vom Shoppen als dem Gegenteil vom Dreck, in dem sie vegetieren. Wo das alltägliche Ficken und Drücken blaß bleibt, dient Shoppen als moderne Metapher vom Teilhaben an der Gesellschaft. Aber nichts ändert sich, nur die Bilder wechseln.
Den radikalen Ausbruch aus diesem Schicksal versucht die Protagonistin in Angriffe auf Anne. Scheinbar aus dem Nichts findet sie zum Terrorismus, und der Rest der Gesellschaft wundert sich. Anne ist fort, vielleicht tot, und die Gemeinschaft der Überlebenden widmet sich den eigenen festen Positionen in kollektiver Bewußtmachung. Die Frage, wie und wann das kleine, unschuldige, bettnässende Kind zur fanatischen Kämpferin gegen "Schwuchteln", Crack-Dealer, Juden und entartete Kunst wurde, können sie nicht beantworten. Martin Crimps Stück ist das zerklüftetste, vielsprachigste Drama des Bandes. Aber immer noch konkret genug, um zu zeigen, welch weitreichende Tragik der Verlust des Bezugs zur Umwelt bedeutet.
Die Dramen in Playspotting zeigen den Verlust und die Selbstaufgabe des Selbsts einer Generation, die unter markt- und mediendominanten Bedingungen aufgewachsen ist. Nippes und Fertigsuppen sind kleine Oasen des Glücks. Es herrscht Lethargie, und niemand weiß, woher sie kam. Die Gewalt, die man ertragen muß, wird weitergegeben. Ungeschminkt. Das Morgen ist das Heute. --Ron Winkler