Weißspieler, die 1.d4 bevorzugen, werden derzeit vom Verlag "Quality Chess" verwöhnt: Nach dem exzellenten Band 1 von Avrukh erschien nun das vorliegende Buch des dänischen Großmeisters Lars Schandorff, das ebenfalls alle denkbaren Systeme nach 1.d4 d5 behandelt.
Während Avrukh dem Weißen eher positionelle Varianten empfiehlt, lädt Schandorff seine Leser dazu ein, die jeweils schärfsten Hauptvarianten zu spielen. Er stellt Systeme vor, in denen Weiß sehr schnell Raum gewinnt, was fast immer ein frühes e4 inkludiert.
Gegen das klassische Damengambit empfiehlt Avrukh den Abtausch auf d5, gefolgt von Sge2 und dem Vormarsch im Zentrum mit f3-e4. Gegen Slawisch 4...dxc4 analysiert er 6.Se5, was ebenfalls die Expansion im Zentrum mit f3-e4 vorbereitet. Den Semi-Slawen bekämpft er mit 5.Lg5 und lässt sich damit auf hoch-theoretische Diskussionen mit der Weltelite ein. Im angenommenen Damengambit folgt logischerweise sofort 3.e4.
Auch seltene Varianten wie die Tarrasch-Verteidigung oder Albins Gegengambit untersucht Schandorff und findet nachvollziehbare Wege zu weißem Vorteil.
Angesichts dieses sehr theorielastigen Repertoires war ich vom relativ geringen Umfang des Buchs überrascht; dies erklärt sich dadurch, dass Schandorff all zu ausführliche Analysen vermeidet und seine Systeme anhand von Musterpartien erklärt.
Sehr positiv ist, dass Schandorff auch einige Fernschachpartien vorstellt: Gerade im Fernschach werden kritische Theorievarianten sehr häufig diskutiert, bevor die Erkenntnisse als "wichtige Neuerungen" im Nahschach wieder auftauchen.
Die Hauptvarianten sind natürlich objektiv gesehen gut, bringen aber auch einige Nachteile mit sich:
Erstens beschäftigen sich auch die Schwarzspieler intensiv damit. Wer zum Beispiel das Botwinnik-System studiert hat, freut sich sicherlich, wenn er endlich einmal "sein" System aufs Brett bekommt und die langen Analysen dazu endlich einmal anwenden kann. Wird er mit 4.e3 konfrontiert, denken sich so manche "Na das schaut ja nicht so gefährlich aus, spielen wir mal 4...e6 oder eben den Läufer raus, es wird schon nichts passieren."
Zweitens stellt man sich in den Hauptvarianten der theoretischen Diskussion mit der Weltklasse und muss ständig nach Neuerungen Ausschau halten: Gerade in einer derzeit sehr wichtigen Variante, nämlich dem Anti-Moskau-Gambit (Semi-Slawisch 5.Lg5 h6 6.Lh4 dxc4 7.e4 etc.), hat Schandorff den Wettlauf gegen Zeit bereits nach wenigen Monaten verloren.
Drittens gehen die Analysen oft sehr weit: Auch in Katalanisch á la Avrukh wird Schwarz hier und da ein 0,00 laut Analyse-Engine erreichen, aber Weiß hat immer noch einen starken Läufer und viele Bauern und ein interessantes Endspiel vor sich. 0,00 im Botwinnik-System hingegen bedeutet normalerweise Dauerschach.
Avrukh hält sein Versprechen ein, ein Repertoire "for a Lifetime" zu liefern; zusätzliche Analysen sind eigentlich kaum nötig. Schandorff hingegen bietet "Fashion for the Moment" und weist den Leser darauf hin, dass auf ihn bzw. seine Analyse-Engine noch einige Arbeit wartet, insbesondere da viele Analysen an der Oberfläche bleiben und bereits bekannte Verbesserungen nicht berücksichtigt werden.
Schandorffs Überblick scheint mir ideal für Spieler im Bereich von 1800 bis 2100 zu sein. Für diese würde sich das Buch sogar 5 Sterne verdienen, da es gute Systeme recht locker vorstellt. Für Spieler mit geschätzten 2300+ ist es meiner Meinung nach aber nur 3 Sterne wert, da es kaum Neuerungen und etwas oberflächliche Analysen bietet - das ergibt im Durchschnitt 4 Sterne.