Zunächst einmal zusammenfassend die Gliederung bzw. Greet's Repertoire-Empfehlungen;
(1 d4 Sf6 2 c4 e6 3 Sf3 b6)
-[Kap. 1] "Early Bishop Developements" 4 Lf4 und 4 Lg5
-[Kap. 2] "The Straightforward" 4 e3
-[Kap. 3-6] "The Hybrid System" 4 Sc3 Lb4 mit der empfohlenen Main Line 5 Lg5 h6 6 Lh4 g5 7 Lg3 Se4 8 Dc2 Lb7 9 e3 d6
-[Kap. 8-11] "The Petrosian Varation" 4 a3 La6 mit Main Line 5 Dc2 Lb7(!) 6 Sc3 c5 7 e4 cd 8 Sxd4 Lc5 9 Sb3 Sc6 10 Lf4 0-0 und 10 Lg5 Sd4
-[Kap. 12-16] "The Fianchetto Variation" 4.g3 La6 mit Main Line 5 b3 b5(!) 6 cb Lxb5
Dabei geht Greet im jeweils letzten Kapitel einer großen Variante umfassend auf die Main Line ein und behandelt in den vorhergehenden Kapiteln genauso umfangreich frühere weiße Abweich-Möglichkeiten in chronologischer Folge.
Der Anlass, mir Greet's Buch anzuschaffen war das vorangegangene "Studium" von Edward Dearing's (ebenfalls exzellentem!)
Repertoirebuch zum Nimzo-Inder (3 Sc3 Lb4). Dearing hat bekanntlich aus verzeihlichen Gründen die Nimzo-Variante mit 4 Sf3 mit der sehr kurzen und vergleichsweise eher langweiligen Empfehlung 4... 0-0 abgehandelt und primär auf das 2003 erschienene
Damenindisch-Repertoire von Jouni Yrjola und Jussi Tella verwiesen.
Die meisten Leser dieser Rezension werden sicherlich ebenfalls mit Dearing's Buch entweder vertraut sein oder damit liebäugeln. Nun, das hier rezensierte Buch wäre sicherlich genauso von ihm empfohlen worden. Denn auch Greet hat sich für ein "Hybrid System" mit 3 Sf3 b6 4 Sc3 Lb4 entschieden, was offenkundig auch im Nimzo nach 4 Sf3 weiterhilft.
Der Autor gibt bei einigen Kapiteln zu Beginn einen kleinen strategischen Leitfaden, was wirklich zum Verständnis der Positionen hilft; Wo gehören die Figuren hin? Was sind die jeweiligen Pläne? In welche Fettnäpfchen sollte man lieber nicht treten?! Auch werden die Drohungen und Ideen einzelner Züge erläutert, wenn nicht sofort ersichtlich. Das alles hebt dieses Buch sicherlich von einem durchschnittlichen Repertoire-Buch ab!
Das Englisch ist leicht verständlich und m.E. auch mit durchschnittlichen Sprachkenntnissen flüssig lesbar. Erwähnenswert ist auch der immer wieder erfrischende Humor, der das Buch wirklich zur Freude macht. Z.B. "[...] In this position White achieved the remarkable feat of isolationg all eight of his pawns!" oder "[...] Just to add insult to insury, Black emphasizes the fact that he does not yet need to capture the queen! Faced with this utter humiliation, White resigned."
Inhaltlich gibt es kaum was auszusetzen. Greet behandelt alle kritischen Varianten nach 3 Sf3 b6 und das bei weitestgehend vollständiger Analyse und - falls notwendig - positionellen Erörterungen. Dabei setzt er viel daran, Varianten aufzuzeigen, die das Spiel verkomplizieren, was letzendlich beiden Seiten gute Sieg-Ambitionen einräumt. Dies ist ihm vollauf gelungen und das mit z.T. exotisch anmutenden Abspielen (v.A. die Petrosian Main Line und die Fianchetto Main Line), was bestimmt manch gegnerischen Weißspieler ins grübeln bringen wird. Ich werde seine Empfehlungen auf jeden Fall in mein Repertoire aufnehmen!
Andererseits soll aber auch bemerkt sein, dass Greet im Allgemeinen auch keine Zweite Variante vorstellt. Wer sich bsw. mit 5 b3 b5 nicht anfreunden kann, bekommt hier keinen Ersatz geboten! Manch einer hätte bestimmt auch gerne eine solide Alternative zum remis schaukeln gesehen. An dieser Stelle deshalb noch einmal der Verweis auf
Dearing's Empfehlung , welche die Abspiele 4 a3 Lb7 und 4 g3 La6 5 b3 Lb4+ als Hauptvarianten behandelt. Die Option 4 g3 Lb7 wird dort auch angeboten. Das restliche Repertoire ist (vom Inhaltsverzeichnis ausgehend) bei beiden Werken identisch, insbesondere auch mit der "Hybrid Line"!
Im Gegensatz zu vielen anderen Herausgaben (auch Dearing's) vom Everyman Chess Verlag ist der Inhalt nicht in 50 Beispielpartien verschachtelt, sondern - wie es sich m.E. für ein Repertoire gehört - sauber im tree-Format geordnet; mit eindeutig gekennzeichneten Hauptvarianten. Greet hat aber auch nicht gänzlich darauf verzichtet, ab und an komplette Partien einzubauen.
Im Buch wird figurine Schachnotation verwendet, was prinzipiell leichter zu lesen ist (Also die mit den kleinen Piktogrammen für die Figurenkürzel).
Fazit: Ich kann dieses Buch in jeder Hinsicht nur empfehlen, v.A. in Kombination mit einem Nimzo-Repertoire. Man muss aber bereit sein, sich auf womöglich gewöhnungsbedürftige Richtungen einzulassen, allesamt aber (sehr wahrscheinlich) vollkommen korrekt und immer unterstützt durch strategische Hinweise. Andernfalls sollte sicherlich das Buch von Yrjola/Tella im Regal landen.