Mit diesem Album hat Joan Baez die Neunziger angemessen begrüßt. Die Lieder zeigen sich radiotauglich im positiven Sinne. Sie lassen sich auch für Nicht-Fans gut anhören, ohne irgendwie platt zu sein. Baez tritt mit einem Selbstbewusstsein auf, das ihr gut steht und sie aber auch nicht hart oder kantig erscheinen lässt.
Über den perfekt durchorganisierten, schön rhythmusorientierten Titelsong geht es zu dem elegischen "Amsterdam", einem typischen Janis-Ian-Lied. In "Isaac & Abraham" kann sie ihr ganzes Können zeigen, es ist beinahe eine Acappella-Nummer, und mit "Stones in the Road" begegnet uns ein Titel in typischer Folkrock-Manier. Geschrieben wurde der Song von Mary Chapin-Carpenter und bietet eine tolle Melodie und einem genialen Text, der sich um die 'alten Zeiten' und die Selbstkritik, seine Möglichkeiten auch zum Wohl anderer nicht genutzt zu haben, rankt. Baez kann mit ihrer Interpretation viele Erwartungen übertreffen! Auch "Steal Across the Border" ist ein extrem intensives Stück. Es klingt wie aus einem Musical und erinnert mich deshalb an den Titel "The Moon is a Harsh Mistress" vom Album
Recently, kommt jedoch mit weniger Instrumenten aus. "I'm With You" samt der kurzen Reprise kann dieses Niveau nicht ganz halten. Eher erscheint es so, dass der alte Hase seine Freude an Trommel und Schlagzeug zeigen will. "Strange Rivers" ist wieder ganz groß, vom musikalischen Stil ähnlich reduziert gehalten wie "Amsterdam" und "Steal Across the Border" - mit einem sehr eindringlichen Text, der trotzdem genug Raum zur Interpretation gibt. Bei "Through Your Hands" hat man ein bisschen das Gefühl, dass die gesamte Band immer auf irgend etwas wartet und deshalb nie richtig in die Gänge kommt. Zusammen mit "I'm With You" würde es bei mir einen halben Stern Abzug dafür geben, aber da dies nicht möglich ist, belasse ich es bei fünf Sternen. Für vier ist dieses Album als Gesamtkunstwerk schlicht und einfach zu gut! Denn da ist noch "The Dream Song", mein Lieblingsstück voller Spannung, die keine Sekunde (von reichlich drei Minuten Spielzeit) nachlässt und nur von Streichern getragen wird. Erzählt wird die Geschichte eines spannenden Traum: dies könnte durchaus die Untermalung zu einem Fantasy-Film sein und wäre auch für eine Umsetzung im Musikvideo bestens geeignet. "Edge of Glory", dem Vater gewidmet, ist ein nicht zu schnell, nicht zu langsam geformter Schluss. Man wird bedauern, dass das Album keine vierzig Minuten Spielzeit erreicht. Aber wahrscheinlich könnte es damit nicht noch besser werden! Und so ziehen wir den Hut und freuen uns über diese Scheibe über alle Maßen!