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Plattform. SPIEGEL-Edition Band 33
 
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Plattform. SPIEGEL-Edition Band 33 [Gebundene Ausgabe]

Michel Houellebecq , Uli Wittmann
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
  • Verlag: Spiegel-Verlag (26. März 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3877630332
  • ISBN-13: 978-3877630334
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,2 x 2,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 224.965 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Amazon.de Hörbuch-Rezension

"Männer wollen vor allem vögeln. Die Verführung interessiert nur ein paar Typen, die kein wirklich aufregendes Berufsleben und auch sonst keine Interessen im Leben haben." Noch immer gibt Michel Houellebecq den Zyniker vom Dienst. Auch in der Hörspiel-Adaption seines Skandal-Romans Plattform kommt Michel, unschwer als Alter Ego des Autors zu erkennen, schnell zum Punkt: Munter purzeln ihm zynische Spruchweisheiten aus dem Mund, alle kriegen ihr Fett weg: Grüne und Ökos, Chinesen und Taliban, Lesben und Gutmenschen, die S/M-Szene und Bestsellerautoren wie Grisham oder Forsythe.

Zusammen mit seiner Freundin Valérie, die er bei einem seiner Sex-Urlaube in Thailand kennen und später lieben lernt, gibt der Dauerfrustrierte Michel der Touristikbranche neue Impulse: ungenierte Sexreisen, nur notdürftig als "Aphrodite"-Projekt verschlüsselt. Das Geschäft boomt, doch bevor sich das Paar selbst in einem der Ferienparadiese niederlassen kann, fällt der ganze Betrieb, einschließlich Thaihostessen und Westtouristen, einem islamistischen Anschlag zum Opfer -- auch Valérie ist unter den Toten. Michel versinkt wieder in seine Depressionen. Der letzte Satz nach 110 Minuten: "Man wird mich schnell vergessen."

Für die Hörspielbearbeitung von Martin Zylka, preisgekrönter Regisseur der Audio-Fassung von Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone, gilt dies keineswegs. Mit kühnen Strichen entschlackt Zylka den 370-Seiten-Wälzer des Franzosen, der leider nur allzu oft in Reiseführerprosa, dumpfe Pornografie und schlichte Banalität abrutscht, und präpariert -- besonders im zweiten Teil -- einen gänzlich neuen Houellebecq-Sound heraus: eine von tiefer Melancholie erfüllte Sprache der Liebe.

Sylvester Groth lotet Michels Gefühlsfassetten meisterhaft aus und auch sonst ist die WDR-Produktion mit Stars wie Jürgen Tarrach, Ulrich Noethen oder Christian Redl bis in die Nebenrollen brilliant besetzt. Der Electronica-Teppich des französischen Easy-listening-Papstes Betrand Burgalat und minimalistisch eingestreute O-Ton-Tupfer sind Kontrapunkte einer meisterhaften Produktion. Leider auch einer beklemmend aktuellen: Ein Foto des Booklets zeigt das von einem Terroranschlag verwüstete Hotel Paradise in Mombasa. Inzwischen zielt die Gewalt deutlicher ins Herz unserer Freizeit-Paradise. Bali, Riad und Casablanca scheinen Houellebecqs düstere Prophezeihungen blutig zu bestätigen -- die Weltkarte des reiselustigen und erholungsbedürftigen Westens schrumpft rasant. --Niklas Feldtkamp

Michel Houellebecq: Plattform. Hörspielbearbeitung und Regie: Martin Zylka. Musik: Bertrand Burgalat. Mit Sylvester Groth, Jürgen Tarrach, Nele Müller-Stöfen, Ulrich Noethen u. a. Spieldauer: 111 Minuten (16 Tracks). 2 CDs mit Booklet (12 Seiten). -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Der Spiegel

Guru der Traurigkeit
Der kleine Mann mit den umschatteten Augen und dem schwermütigen Blick hatte sich schon zum Kultautor emporgeschrieben, als im Sommer 2001 sein dritter großer Roman „Plattform“ in Frankreich erschien. In seinen beiden vorherigen Werken „Ausweitung der Kampfzone“ (1994) und, vor allem, „Elementarteilchen“ (1998) hatte Michel Houellebecq sein Image geprägt und sein Thema gefunden – das des depressiven und verlassen wirkenden Schriftstellers, der aus der Vereinsamung des modernen Menschen in einer vergnügungssüchtigen Welt eine ebenso morbide wie komische Sexbesessenheit schafft.

Mit diesem Buch aber wurde Houellebecq schlagartig ein Prophet. Denn „Plattform“ endet mit einem schrecklichen terroris¬tischen Anschlag auf eine Ferienanlage in Südthailand. Als dessen Urheber stellen sich rasch islamische Fundamentalisten heraus, die diesen Ort der Sittenverderbnis und des Sextourismus mit einem Akt beispielloser Abschreckung auslöschen wollen. Die Attentate vom 11. September 2001, dann ein Angriff auf Urlauber der indonesischen Insel Bali im Jahr 2002, schienen auf geradezu gespenstische Weise den Ruf Houellebecqs zu bestätigen, hier habe man es mit einem vorausblickenden Schriftsteller am Nerv der Zeit zu tun.

„Plattform“, eine bitterböse Satire auf die exotisch-erotische Reiseliteratur, entwickelte sich zur heftig umstrittenen Sensation des Buchmarktes; die Kontroverse um den pornografischen Neo¬kolonialismus des wohlhabenden Westens gegenüber der Dritten Welt bewirkte eine ungeheure Absatzsteigerung des ¬Romans gerade in Deutschland, womit selbst der Erfolg von „Elementarteilchen“ – inzwischen ein verfilmter Klassiker – übertroffen wurde.

Seitdem gilt Houellebecq endgültig als literarischer Herold der kleinen Leute, als scharfsinniger Sezierer einer schäbigen Welt von Vertretern, Angestellten und Beamten, Zukurzgekommenen und Frustrierten. Wie ein zynischer Beobachter des Verfalls führt er einen erbarmungslosen Krieg gegen die Idealisten der politischen Korrektheit und löst damit unvermeidlich eine tobende Polemik um seine vermeintlichen Exzesse, Vulgaritäten und reaktionären Entgleisungen aus. In der Tradition von Honoré de Balzac, Gustave Flaubert oder Emile Zola (ohne freilich deren stilistische Höhen zu erreichen) entwirft er ein schwarzes Sit¬tengemälde, eine Kette von Tragödien in einer sich auflösenden Gesellschaft, die sich wie ein grotesk triviales Stück der „Menschlichen Komödie“ liest. Seine Figuren sind allesamt Verlierer, die einem angeblichen Natur- und Menschenrecht nachjagen und dabei ahnen, dass sie einem Phantom hinterherlaufen: dem Glück.

„Ich war nicht glücklich“, bekennt der „Plattform“-Romanheld Michel, Houellebecqs Alter Ego als Ich-Erzähler, „aber ich schätzte das Glück und sehnte mich weiterhin danach.“

Kunst kann das Leben nicht verändern, wohl aber Sex. Mit einer genial einfachen Grundidee schlägt Houellebecq immer wieder gleichmütig und provokant, treuherzig und bösartig sein literarisches und soziologisches Leitmotiv an: die Einbeziehung der Sexualität in die globalisierte Warenwelt des Kapitalismus, die eine neue Klassengesellschaft hervorbringt – erotische Gewinner und Verlierer, sexuelle Prasser und Hungerleider, Abräumer und Habenichtse. Während früher, wie der Volksmund sagt, in der Regel jeder Topf seinen Deckel fand, Kirche, Familie und gesellschaftliche Konventionen Ehe und Liebesleben organisierten, bestimmen heute die Marktgesetze auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Krude ausgedrückt, in der ordinären Sprache, die Houellebecqs Markenzeichen geworden ist: Die Reichen und Schönen vögeln, die Armen und Unansehnlichen besuchen Peepshows, angezogen von „der einfachen Magie sich bewegender Mösen“, vor denen sie gemächlich ihre Hoden entleeren.

In „Plattform“ glaubt Michel, der gelangweilte Kulturbeamte, in dem fast alles erloschen scheint, das Zaubermittel gegen die¬se Entmenschlichung der modernen Gesellschaft gefunden zu haben: Sextourismus. Der reiche Westen hat seine Fähigkeit zu lieben verloren, die Frauen und Jugendlichen der Dritten Welt haben nur ihren Körper zu verkaufen, was zu einer idealen Austauschsituation führt, so Houellebecqs These und die Formel für die Ferienclubs „Eldorador Aphrodite“. Das Prinzip der westlichen Gesellschaft besteht darin, mittels Werbung und Medien die sinnliche Begierde bis ins Unerträgliche zu steigern – und deren Befriedigung immer mehr zu erschweren. Abhilfe schaffen die willigen Dienstboten des Sex in Ländern wie Thailand oder Kuba mit ihren gebräunten Körpern und ihrer unbefangenen, intakten Sexualität.

Ist das menschenverachtender Zynismus, wie manche Kriti¬ker aufheulen? Aber das ist ja das Rätsel Houellebecq: Nie kann der Leser genau wissen, ob er es ernst meint oder mit dem Schrecklichen scherzt. „Plattform“ ist ein zugleich erheiterndes und niederschmetterndes Buch und Houellebecq der schonungslose Entlarver einer globalisierten Welt, in der jeder Einzelne ein entfremdetes Objekt wird, thailändische Prostituierte genauso wie ihre westlichen Kunden, die unablässig suchen, jedoch nichts fin¬den, und darüber unglücklich bis auf die Knochen sind.

Houellebecq kultiviert das Depressive, das macht ihn so an¬stößig und für viele unerträglich. Er nährt sich aus Arthur Schopenhauers existenziellem Pessimismus, auf den er sich gern bezieht. Anders als bei Louis-Ferdinand Céline („Reise ans Ende der Nacht“), mit dem er gelegentlich verglichen wird, besteht sein Stil darin, gar keinen markanten Stil zu haben. Beiläufig und teilnahmslos schildert er das Leben als einen unaufhörlichen Schrei des Leidens, vermengt übergangslos Obszönes, Banales und Visionäres. Seine Ironie ist so schwarz, dass sie manchmal kaum noch wahrnehmbar scheint. Houellebecq versteht sich nicht nur als Geschichtenerzähler, sondern als soziales Barometer, das die Umbrüche der Sitten und den Untergang der Menschheit in ¬ihrer jetzigen Form anzeigt – eben ein Balzac light des zeitgenössischen Tollhauses, in dem gegenwärtig die Comédie humaine spielt.

Diese Erkenntnis beugt einem konsternierenden Missverständnis vor, dem viele seiner Verfolger erliegen: Nur weil Hou¬elle¬¬becq mit aufreizender Flachheit eine flache, sich zugrunde richtende Welt beschreibt, ist das Ergebnis nicht auch flach und hohl. Sein Sujet ist der moderne Trash, der alle Lebensbereiche der nihilistischen Spaßgesellschaft durchdringt; aber der Roman, der dies schildert und reflektiert, ist deswegen nicht auch Dreck.

Das Aufheulen der Moralisten, die in Houellebecqs Rechtfertigung der Prostitution nur eine schweinische Verletzung der weiblichen Würde erkennen, ist gänzlich unberechtigt: Der Sexbesessene verbirgt ein reines Herz, seine Trauer entspringt verlorenen Illusionen, sein makabrer Humor der Verzweiflung. In Wahrheit hat Houellebecq mit „Plattform“ ein romantisches Buch geschrieben, seinen ersten Liebesroman. Denn wider alles Erwarten findet Michel in Thailand das wirkliche Glück, nicht nur dessen Anschein gegen Bezahlung. Seine Liebesbeziehung zu Valérie, einer stillen, unvermutet sinnlichen, erfolgreichen Angestellten der Tourismusindustrie, zeigt für kurze Zeit die Möglichkeit einer Utopie auf: Sex und Liebe, Begierde und Eros gehen ineinander auf. Die triebhafte Pilgerfahrt um die Welt auf der Suche nach Orgasmen könnte ein Ende haben.

Gibt es also doch eine Erlösung? Lässt sich das Glück finden, wenn auch nur mit Mühsal und unter besonderen Umständen, kann man es am Ende sogar planen und organisieren? Bei Houelle¬becq scheint es jedenfalls auf, doch es ist nicht von Dauer. Die Katastrophe – der Überfall der religiösen Fanatiker auf die voll besetzte Bar „Crazy Lips“ – verwandelt Michels Lebenswelt zurück in ihren perversen Normalzustand der Lieblosigkeit, der Isolation und der alles umspannenden Melancholie. Valérie ist tot, Michel überlebt, äußerlich unverletzt, aber innerlich zerstört.

Über den Islamismus, dessen Intoleranz und Sinnesfeindlichkeit lässt Houellebecq eine seiner Romanfiguren Dinge sagen, die fast die Vermutung wecken, er habe ein neuer Fall Salman Rushdie werden wollen: „Das absolute geistige Nichts, die totale Leere … Der Islam konnte nur im Stumpfsinn einer Wüste entstehen, inmitten dreckiger Beduinen, die nichts anderes zu tun hatten – entschuldigen Sie den Ausdruck –, als ihre Kamele zu ficken. Je mehr sich eine Religion dem Monotheismus nähert – denken Sie daran, cher monsieur –, um so unmenschlicher und grausamer ist sie; und der Islam ist im Vergleich zu allen anderen Konfessionen die Religion, die den Menschen den radikalsten Monotheismus aufzwingt. Seit es den Islam gibt, zeichnet er sich durch eine ununterbrochene Folge von Kriegen, Invasionen und Blutbädern aus; solange er existiert, wird nie Eintracht auf der Welt herrschen.“

Diese grob beleidigenden Sätze schrieb Houellebecq wohlgemerkt, bevor die Flugzeuge ins World Trade Center rasten und der Krieg gegen die Taliban und Osama Bin Ladens Qaida in Afghanistan begann. In einem Interview mit dem Buchmagazin „Lire“ bezeichnete er, diesmal ohne sich hinter seiner Roman¬gestalt zu verstecken, den Islam als „die idiotischste Religion der

Welt“. Verschiedene französische muslimische Organisationen strengten einen Prozess gegen den Skandalautor an; im Oktober 2002 wurde Houellebecq in Paris von dem Vorwurf, er habe zu antiislamischem Rassenhass aufgerufen, freigesprochen. Das Rechtsprinzip der Meinungsfreiheit hatte obsiegt.

Houellebecq hat am Ende keinerlei Hoffnungsbotschaft zu verkünden, die Suche nach dem Paradies endet bei ihm unweigerlich im Nichts. Sein Lebensgefühl unterschwelliger Angst und Verzweiflung wird von einer eindrucksvollen Schar Anhänger und Leser geteilt, in Frankreich und fast mehr noch in Deutschland. An Bedrückten und Beladenen mangelt es ja wahrhaftig nirgendwo. Houellebecq ist inzwischen der am meisten gelesene Autor seiner Generation in seiner wenig geliebten Heimat, auch wenn die Schöngeister unter den Kritikern ihn nur mit spitzen Fingern anfassen.

„Früher wollten alle die Meinung Sartres hören, heute ist es Houellebecqs Meinung, die zählt“, sagt sein Freund und Autoren-Kollege Frédéric Beigbeder, auch er ein gutes Beispiel für Frankreichs „Gabe, gemeine Schriftsteller hervorzubringen“ (so die englische Zeitung „The Guardian“ mit neidvoller Anerkennung).

Der Guru der Traurigkeit Houellebecq, dem der Weltschmerz auch privat ständig im Gesicht geschrieben steht, drückt kompromisslos die Widersprüche aus, die ihn zerreißen; und dabei weiß er genau, dass diese Widersprüche repräsentativ für den Seelenzustand der zeitgenössischen Gesellschaft sind.

Nachwort von Romain Leick zu Plattform. SPIEGEL-Edition Band 33


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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Kongeniales Hörspiel 9. Januar 2004
Format:Audio CD
Es gibt Hörspiele, die setzten Romane "einfach" mit verteilten Rollen um und fertig. Und es gibt Hörspiele wie dieses, die in der Auswahl der Texte, der Sprecher und der Musik den Geist des Romans einzufangen versuchen und das auch noch hinbekommen. Die sprechenden Schauspieler (u.a. Jürgen Tarrach und Ulrich Noethen) und nicht zuletzt die wirklich außergewöhnliche und ganz im Sinne Houllebeqcs stehende Musik schaffen ein wirklich kongeniales Gesamterlebnis aus Houllebecqs Text. Leider (?!) vermag wohl auch das beste Hörbuch nicht die unerträgliche Tristesse einzufangen, die nur das Lesen von Houellebecq vermitteln kann. Aber hier ist man verdammt nah dran.
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Niclas Grabowski TOP 500 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Ist das nun ein gutes Buch oder appelliert dieser Roman einfach nur an die niedrigen Instinkte der männlichen Leser? Beim ersten Lesen spricht wohl viel für die zweite Antwort. Denn neben vielen ausländerfeindlichen Formulierungen dürfen wir auch viele Beschreibungen von Sex mit Prostituierten lesen, die man als Nummer 47 ruft, die dann "Sin" heißen und jedes Klischee aus einem Pornofilm bedienen. Und auch der allerniedrigste Instinkt von allen wird ausgiebig angesprochen, nämlich der Zynismus und der Selbsthass, mit denen die Gescheiterten in unserer Gesellschaft die Welt betrachten. Ja, dieser Roman gibt auch dem deutschen Angestellten über Vierzig viel Stoff für seine Träume, jedenfalls wenn er noch Single ist oder seine Ehe und seine Karriere gescheitert sind. Was kommt nach den Träumen von Jugend und Aufbruch? Genau dieses Buch mit seiner vorgeblichen Amoral und seiner ausschweifenden Pornografie. Fast könnte man sagen, es ist eine Freude zu lesen, wie genau der Autor hier die Innenansicht einer schweigenden Mehrheit in der westlichen Gesellschaft darstellt. Aber eigentlich ist es traurig, selbst dann, wenn einen immer wieder die gelungenen Formulierungen über den Wahnsinn unserer Zeit lachen lassen.

Aber ist da nicht noch mehr? Bei genauerem Lesen fällt auf, dass der Protagonist nicht nur irgendein Beamter ist. Er ist extrem gebildet. Am Anfang des Buches unternimmt er eine Reise nach Thailand. Er verhält sich dabei nicht viel anders als die meisten seiner Begleiter, die einen Querschnitt durch die aktuelle, französische Gesellschaft darstellen. Er vertritt ähnliche Meinungen, er nutzt die gleichen, käuflichen Dienstleistungen, er hat vielleicht ähnliche Schwächen. Aber wo seine Reisegenossen dumpf über den Rassismus sprechen, nennt er die Quellen, zeigt, welche Literatur, welche Philosophie, sogar welche Marketingstrategien hinter den Überzeugungen stehen. Durch diesen Charakter liefert Houellebecq sozusagen die Quellen unseres Unglücks. Und so hilft uns ein belesener und hochintelligenter Protagonist, mehr über uns selbst zu lernen. Denn wenn man ganz genau liest, wird man feststellen, dass der Protagonist kein Zyniker, sondern nur ein gescheiterter Moralist ist. Muss ein Moralist in einer amoralischen Gesellschaft immer kapitulieren? So langsam kommen wir damit zu den spannenden Fragen des Buches.

Während der Reise scheint die Liebe kein Ausweg zu sein. Unser Protagonist ist einfach zu autistisch. Als er sich dann ganz am Ende der Reise doch noch zu einem zögerlichen Kontaktversuch entschließt, passiert Sonderbares. Ich will es mal mit einem Zitat aus dem Buch erklären: "Valerie, was findest Du eigentlich an mir? Ich sehe nicht besonders gut aus, und ich bin auch nicht besonders unterhaltsam; ich begreife nicht, was an mir anziehend sein soll." Soweit die Selbsteinschätzung des Protagonisten. Valerie widerspricht nicht. Sie macht ihm darauf ein Geschenk, eigentlich völlig ohne Grund, natürlich ein sexuelles Geschenk, denn wie sollte man sonst Zugang bekommen zu diesem Mann. Es ist dieses Überschreiten der Regeln von Attraktivität und Marktwert, von Leistung und Gegenleistung, was den Zauber dieser Szene ausmacht. Liebe ist möglich, unter allen Umständen. Aber sie basiert auf Vorleistung, und vielleicht sogar auf gedankenloser Hingabe. Und nicht einmal die in dieser Szene folgende Pornografie kann diese Botschaft stören. Ein weiteres Zitat, diesmal von Valeries Seite (wenn auch in anderem Zusammenhang): "Das war nicht schwer... Denn letztendlich ist es sehr selten, dass sich jemand für andere Menschen interessiert."

In Momenten wie diesem ist Plattform ein wunderschöner Liebesroman. Noch ein Zitat: "Ich weiß, dass es Glück gibt." Leider hat man zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die Hälfte des Buches hinter sich. Und so müssen die beiden Protagonisten noch das sexuelle Unglück der westlichen Gesellschaft lösen helfen, mit Hilfe eines Reiseunternehmens und sehr viel Marketingeinsatz (durchaus unterhaltsam für BWL-Studenten). Über die in diesen Passagen vertretenen, gesellschaftlich-politischen Thesen kann man sich natürlich streiten. Glücklicherweise ist meine persönliche Erfahrung mit dem Thema Beziehung nicht so negativ wie die des Autors. Aber so oder so, die Sache geht im Buch ohnehin nicht gut aus, und so muss noch ein Finale folgen, das den Helden wieder zurück in die Einsamkeit schickt. Und so kann der Autor / Protagonist dann auch noch etwas zum Thema Islam und politische Gewalt sagen.

Ja, viele der Aussagen sind fragwürdig. Aber das kennen wir ja schon aus den vorherigen Büchern von Houellebecq, die schon ähnliche Themen behandeln, aber die menschlichen Geschichten deutlich schwächer erzählen als in diesem Buch. Führen diese fragwürdigen Aussagen nun dazu, dass man das Buch ablehnen oder verdammen sollte? Zumindest ist es ein mutiges Buch, und die Themen sind es Wert diskutiert zu werden, mit welchem Ergebnis auch immer. Und vor allem: Der Roman ist wirklich umwerfend gut geschrieben. Personen, Situationen und Orte sind genau beobachtet und jedes einzelne Wort ist treffend. Selbst die Pornografie kommt überzeugend rüber. Viele der sarkastischen Sprüche sind außerordentlich klug, witzig und unterhaltsam. Während Houellebecq im Buch den Protagonisten über Forsyth und Grisham lästern lässt, zeigt er den amerikanischen Kollegen gleich auch, wie man es besser macht. Kaum ein Satz ist langweilig, er braucht sich nicht zu wiederholen, es liest sich alles gut und fließend. Ein Genuss, und so muss man auch die deutsche Übersetzung sehr loben.

Nein, jugendfrei ist das alles nicht. Dennoch sollte man es gelesen haben.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe|Von Amazon bestätigter Kauf
Wahrscheinlich ist es die seltsame Mischung, die dieses Buch beeindruckend macht: Sexualität wird in allen körperlichen Details beschrieben, ähnlich (und wahrscheinlich besser)dem in sogenannter erotischer Literatur. Doch daneben geht es um nichts weniger als unsere moderne westliche Gesellschaft zur Jahrtausendwende, ihre Rat- und Ziellosigkeit, ihre Ängste und ihre Suche nach Ablenkung. Die erste Hälfte des Romans fand ich sehr beeindruckend, denn hier entwickelten sich die Figuren aus sich selbst heraus. Traurig und zum Brüllen komisch gleichermaßen liest sich die Schilderung der Thailand-Rundreise der Hauptfigur. Wie unter einem Vergrößerungsglas seziert H. hier Prototypen der Neuzeit. Das allein wäre eine stimmige, runde Geschichte gewesen. Doch H. reichte das nicht, und darum flacht die Spannungs- und Erzählkurve zur Mitte hin etwas ab. Die Erfindung der Sexclubs wirkt mühsam konstruiert, eher wie eine Behauptung denn eine vorstellbare Tatsache; die Liebe zur Überfrau Valerie wie eine Kopfgeburt. H.s Hauptthema ist eben nicht Lebensfreude und das Licht am Ende eines Tunnels, sondern der bis zur Spitze getriebene Pessimismus und eine dazu passende Lebensmüdigkeit, ein sich nach Öde sehnen und in Öde vergehen. H. schildert eine Gesellschaft in Auflösung, in ihren letzten Zuckungen vor der finalen Vernichtung, nur ohne Hoffnung auf einen "jüngsten Tag", der die Guten errettet und die Bösen der ewigen Verdammnis übereignet. H.s Welt ist ein Fanal der Sinn- und Gottlosigkeit.

Der Schluß macht dennoch betroffen, schon weil H. terroristische Anschläge vorwegnahm, die sich erst nach Erscheinen dieses Romans (in noch brutalerer Art und Weise) ereigneten.

Der Erfolg H.'s speist sich aus der Lust zu schockieren und gleichzeitig zu frustieren. Eine Erscheinung, die wohl aus der Kakophonie der Medien bei gleichzeitig zunehmender Ratlosigkeit der Gesellschaft entsteht. Oder anders ausgedrückt: Wenn dieses Leben schon keinen Sinn zu haben scheint, dann wenigstens noch mal richtig herumgevögelt.
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