Nur ein Reise-Führer durch die Prostituierten-Hochburgen Thailands oder ein Roman aus der Sicht eines Touristen, der seine semi-autobiografischen Erlebnisse verarbeitet? Stehen im Vordergrund, die im Roman verarbeiteten Reflexionen der Protagonisten oder die Auffassungen des Autoren, die dieser mit welchen Absichten auch immer zu verbreiten sucht? Ein Buch über die Getriebenen der Kulturen. Die einen, die Prostituierten aus der Dritten Welt als die Opfer und die anderen, die „Erstweltler", als die Täter oder Kunden, die das Geld haben? Wer benutzt wen? Sind die Opfer wirklich nur Opfer und die Täter wirklich nur Täter? Haben die Akteure des Sextourismus nur scheinbar keinen Einfluss auf das Geschehen? Vertun oder reduzieren alle ab Dreißig ihr Leben „oversexed and underfucked"?
Selten ein Buch bei dem es so schwer fällt, eine Meinung dazu zu formulieren. Aber gerade damit ist dem Autoren das gelungen, was sich jeder Schriftsteller erhofft, der sich schließlich mit jeder Zeile, wie gut oder wie schlecht beim Publikum ankommend, preisgibt. Houellebecq hat sein Publikum nicht nur erreicht, sondern auch interessiert. Dabei ist es gleich, ob er zu der Gruppe der Autoren zählt, die ihr Publikum lediglich unterhalten wollen oder zu denen, die die Welt verändern möchten oder ob er der dritten Gruppe zugehörig ist, die schreibt, um die Welt zu ertragen.
Letztendlich ist es ohne Bedeutung, welcher Gruppe ein Autor angehört, zumal dies nichts über seinen Intellekt oder seine moralische Wertigkeit aussagt, sondern eher über sein Naturell, sein künstlerisches Temperament. Das gleiche gilt für die „Verbraucherseite", die Leser.
Folglich ist es überflüssig darüber zu räsonieren, ob der Roman eher satirisch, systemkritisch oder rassistisch und frauenfeindlich aufzufassen ist.
Natürlich polarisiert Houellebecq die Lager. Und das genüsslich. Wer hat je die Gemüter dermaßen erregt, mit einem so einfachen Plot: Michel, der Ich-Erzähler - der sinnigerweise den Vornamen des Autoren trägt, womit sich dieser interessanter macht als seine Romanfigur ist - ist Anfang Vierzig und weiß mit sich, dem desillusionierten Buchhalter im Amt des Kulturministeriums, wenig anzufangen. Der Single besucht regelmäßig Peepshows, weil es ihn drückt und legt lieber selber Hand an sich, als sich einer französischen Frau oder Prostituierten anzuvertrauen, von denen er allesamt nichts hält, weil die längst egoistisch-entkörpert sind und nur noch so tun, als ob. Und da fährt er halt mal nach Thailand und bumst vergnügt herum, weniger enthemmt als man erwarten könnte.
Und da haben wir es. Das schlimme Wort vom „Sextourismus" steht im Raum. Und das Buch dreht sich auch im weiteren Verlauf mehr oder weniger deutlich alleine darum. Kritisiert der Autor oder verherrlicht er? Mehr eine ästhetische Frage. Und vielleicht verspürte der Houellebecq beim Schreiben eher ein genüssliches als ein sozialkritisches Empfinden. Wegen mir, diese Freiheit sei erlaubt. Und es ist mir ziemlich egal, ob manch einer behauptet, das Buch seine eine „Rechtfertigung schmutzigen Geschäfts" oder gar „peinliche Ausfälle gegen den Islam" anprangert. Äußerungen, die, lebt man wie ich unter Moslems, einzeln und für sich gesehen bestätigen kann, wenngleich damit natürlich kein allgemeingültiges Urteil abgegeben sein darf.
Houellebecq in einem Interview: „Das Schreiben ist viel spielerischer als das Leben. Das ist eine traurige Tatsache."
Ein Satz, über den es sich lohnt nachzudenken. Ich empfehle das Buch. Ich habe es mit Interesse gelesen und kritischen Abstand behalten. HMcM