Ich habe mir diese deutsche Platon-Ausgabe vor einigen Jahren im Laufe meines Philosophiestudiums zugelegt und kann sie wirklich niemandem so recht ans Herz legen. Ihr einziger Vorzug besteht darin, dass sie recht preiswert ist. Beachtet man jedoch, wie wenig sie leistet, sind über 50¤ auch kein Schnäppchen mehr.
Zu den Kritikpunkten:
- Die Ausgabe ist nicht zitierfähig. Zwar enthält sie Ansätze zur (in der Platon-Forschung üblichen) Stephanus-Paginierung, allerdings ohne die Unterteilungen A, B, C, D, usf. Ein Zitat nach dieser Meiner-Ausgabe wird also notwendigerweise unpräzise ausfallen und wissenschaftlichen Standards nicht genügen.
- Im Text fehlen Hinweise auf den jeweils verhandelten griechischen Terminus. Worte wie "Logos", "Dianoia", "Doxa", etc. sind aber auch für einen nicht griechischkundigen Leser, der sich mit Platon auseinandersetzt, durchaus verständliche Fachbegriffe, die darüber hinaus essentiell sind für die Verständigung mit Leuten, die eine andere Übersetzung verwenden. Ein Einstieg in die platonische Philosophie wird dadurch eher unnötig erschwert als erleichtert.
- Obwohl die Textausgabe allein die deutsche Übersetzung bietet, finden sich in den Anmerkungen regelmäßig längere, griechische Zitate (in griechischer Schrift) ohne Übersetzung. Nun kann ich zwar griechische Buchstaben lesen und viele Fachtermini dann auch verstehen, aber bei Aristoteles-Zitaten in ganzen Sätzen stößt meine Übersetzungsfähigkeit dann doch an ihre Grenzen. Wäre es anders, hätte ich zu einer zweisprachigen Ausgabe gegriffen.
- Die (immerhin und sinnvoller Weise zahlreichen) Anmerkungen finden sich immer am Ende des jeweiligen Dialoges. Wäre es an sich schon nervig, immer zu den letzten Seiten des Buches blättern zu müssen, sind hier in jedem Bd. mehrere Dialoge versammelt. Die Verweise finden sich also "irgendwo" weiter hinten im Buch wieder. Der Leser kann sich natürlich ein Lesezeichen oder ein Post-it in die Endnoten kleben, aber man hätte dem Kunden seitens des Verlages hier auch entgegenkommen und einfach Fußnoten verwenden können.
Fazit:
Wer griechisch beherrscht, wird wohl gleich zu einer zweisprachigen Ausgabe greifen, wer dies nicht tut, ist mit diesem eigentümlichen Zwitterwesen, das die Nachteile einer kritischen Ausgabe mit den Nachteilen einer an Laien gerichteten Textgrundlage vereint, schlecht bedient. Die vermutete Zielgruppe (privat Interessierte und Philosophen, die keine Antike-Spezialisten sind) wird ganz klar verfehlt.
Die Ausgabe "Platon, Sämtliche Dialoge" bietet - völlig untypisch für den Meiner-Verlag - keine akzeptable Grundlage für eine ernsthafte oder hobbymäßige Beschäftigung mit Platon.