... findet man mittlerweile schon als Bezeichnung auf Synthetik-Produkten.
Und um dieses von Menschen gemachte Material geht es in diesem Buch, das sich spannender als ein Krimi liest. Ich konnte es nicht zur Seite legen und habe es an einem einzigen Tag gelesen.
Worum geht es? Es ist das Buch zum Film "Plastic Planet" vom österreichischen Dokumentarfilmer Werner Boote. Boote hat einen aufblasbaren Plastikglobus als Ausgangspunkt genommen, um in die Welt des Plastiks einzutauchen. Und was er dabei zu Tage gefördert hat, ist mehr als besorgniserregend. Und wieder einmal wird einem als Leser bewusst, dass wir im Zeitalter der Verdrängung leben. Im Buch ist die Rede vom sogenannten "Nimby", was für die Lebenseinstellung "not in my backyard" (nicht hinter meinem Haus) steht. Wir wollen alle von den Errungenschaften der jüngsten Zeit profitieren, verdrängen aber die Schattenseiten und schieben sie gerne von uns. Kein Mensch will in der Nähe eines Atomkraftwerkes leben - klar. Aber was hat das mit Plastik zu tun? Sehr viel, denn Kunststoff ist aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Alle Lebensbereiche sind davon durchdrungen - von der Wiege bis zur Bahre - a world of Plastic. Wieviel Plastik steckt in unserem Leben? Wieviel Plastik steckt allein in einem "normalen" Buch? Und was genau bedeutet das? Die Autoren haben sich auf die Suche nach Forschungsergebnissen gemacht - im günstigsten Fall nach solchen, die nicht von Chemieriesen wie BASF o.ä. finanziert wurden. Und sie haben Dinge herausgefunden, die einem kalte Schauer über den Rücken jagen. Schnuller und Babyfläschen enthalten ebenso Weichmacher wie Medikamente oder die Plastikbeschichtung in Dosen.
Wir produzieren Plastik ohne Ende und wissen nicht, wohin damit. Recycling im Zusammenhang mit Plastik ist ein Märchen - wenn schon, dann handelt es sich um "Downcycling" - das Produkt wird immer minderwertiger und sinnentleerter. Und irgendwann ist es dann einfach nur noch "Weltraumschrott" (so nennt mein Mann das immer).
Die Autoren gliedern das Buch folgendermaßen:
- Träume
- Alpträume
- Aufwachen
und zum Schluss berichtet Boote noch über das Making-of des Films. Ein Glossar vervollständigt das Ganze.
Im Abschnitt "Träume" geht es um den Aufstieg des Kunststoffs. Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Plastiks. Mit Bakelit fing es an und wo es im 21. Jahrhundert enden wird, wissen wir nicht so genau... Hier wird die Geschichte verschiedener Kunststoffe erzählt und die fundamentalen Veränderungen, die sie bewirkten. Ein neues Zeitalter ist angebrochen, in dem alles möglich ist. Ohne Maß und Ziel. Ohne Plastik hätten wir ein sehr viel weniger bequemes und vermutlich ein sehr viel teureres Leben. Ohne Plastik könnte man sich die Welt eigentlich nicht mehr vorstellen. Es ist billig, es ist bunt, es ist leicht abwaschbar, leicht und einfach unschlagbar praktisch.
Doch leider ist die schöne bunte Plastikwelt nicht nur bunt. Ein Blick in die Weltmeere bringt Erschütterndes zu Tage. In einem gigantischen Müllstrudel wirbelt Plastik ohne Ende durch die Natur, eine Malediveninsel, der Inbegriff eines paradiesischen Ortes, ist bis oben hin zugemüllt, weil der Abfall, der durch Tourismus (aber nicht nur) entsteht, einfach irgend wo hin muss. Zugemüllte Strände, Intersexfische in Flüssen und Meeren, gefährliche Stoffe in gesundheitsgefährdenden Konzentrationen im eigenen Blut. Das sind nur einige der Schattenseiten, die wir nicht sehen wollen.
Und dann zeigt das Buch noch Möglichkeiten auf, die evtl. aus dem Dilemma führen könnten. Ein bisschen vielleicht. Und die Möglichkeiten sind bislang auch spärlich. Peinlich spärlich, wie ich finde, denn wenn die Wirtschaft so verbohrt und wenig flexibel (da fehlen wohl die Weichmacher...) ist, nimmt es nicht Wunder, dass sie über kurz oder lang zusammenbricht.
Aber immerhin - der Ausklang ist fast versöhnlich. Da hat eine österreichische Familie ausgerümpelt und umgedacht. Der Versuch, ein Leben ganz ohne Plastik zu führen, muss heutzutage scheitern, aber man kann sich beschränken. Käse kaufen, der ein bisschen näher an der Natur ist, als derjenige, der in Plastik und dann noch zusätzlich - Scheibe für Scheibe - in einzelne Folien verpackt ist. Man kann versuchen, Mineralwasser in Glasflaschen zu kaufen. Und man muss überlegen, was man überhaupt alles braucht. Wirklich braucht.
Dafür will das Buch (und der Film) sensibilisieren. Und das ist den Autoren auch gelungen, wie ich finde. Jetzt wäre es nur noch wichtig, dass die Botschaft gehört und auch verinnerlicht wird.
Einen großen Erfolg hat Boote mit seinen Recherchen schon erreicht: Einige Babysauger und Babyflaschen, die als kritisch eingestuft wurden, wurden vom Markt genommen. Darauf kann er stolz sein.
Ein wichtiges Buch, dem ich von Herzen viele aufmerksame Leser wünsche!