Zuallererseits sei wohl mal lieber gesagt, dass dieser Roman wohl zu den Werken gehört, die in Bezug auf die Leserschaft Spaltungspotential besitzen. Den Vergleich mit dem Erstling kann ich nicht ziehen, weil ich "Turils Reise" nicht gelesen habe. Auch aus dem Perry (Rhodan)-Verse war mir Thurner noch nicht bekannt.
Zum Buch:
Gramo Darn Fünfzehn ist ein Gefangener in der wandernden Stadt Kamandar auf dem sehr abgelegenen Planeten Marek im Kahlsack. Der Protagonist ist sprichwörtlich weit unten in den Hierarchie der Stadt. Er muss viel erdulden und das Ungetüm mit Gleichgesinnten gegen seinen Willen am laufen halten. Sonst droht der Terror.
Immer wieder stellt er sich jedoch die Sinnfrage, die wiederum von Erinnerungen seiner früheren ichs genährt wird. Er rebelliert und droht die Welt zu verändern.
Währenddessen wird Kamandar von einem wandernden und sich wandelnden Phänomen, der sog. Plasmasäule begleitet. Die Stadt und jenes "Artefakt" beeinflussen sich gegenseitig und sind beide für den Planeten wichtig. Genauso wie Gramo Darn und all diejenigen, die unter den massigen Rädern Kamandars sterben, während das Monstrum ihre Häuser, Felder und alles andere plattwalzt. Der Mythos des Sterbens und Auferstehens wird von Thurner in mehrerlei Hinsicht ganz groß geschrieben.
Kritik:
- Erstens: Manchmal fand ich als Frau eine gewisse Wortwahl doch etwas misslich bzw. gehäuft. Die Geschichte spielt im "Kahlsack". Schön. Eine Figur schickt relativ am Anfang einen "Denksack" los um von ihm irgendwo vertreten zu werden und nicht anwesend sein zu müssen. Naja. Als dem männlichen Protagonisten drittens dann jedoch auch noch ein gewisser Teil seines Körpers (der auch auf die besagten vier Buchstaben endet) abgeschnitten wird, kam ich dann doch mal ans Nachdenken, ob das Zufall oder Absicht des Autors war. Sicherlich (hoffentlich!) ersteres. Es muss schon massiv sein, damit mir so etwas mal auffällt, aber da habe ich doch einen Moment lang innegehalten und mir Fragen gestellt.
- Zweitens: Im praktischen Ablauf werden Gramo Darns Geschichte erzählt und seine Persönlichkeit entwickelt bzw. ausgeleuchtet, aber das wird immer wieder von anderen Erzählpersonen unterbrochen (kapitelweise). Manche dieser Erzähler kehren wieder. Praktisch sind es jedoch die wenigsten. So erweckte das Werk bei mir einen sehr gestückelten Eindruck, obwohl geneigtere Leser da gern auf die Intention des Autors bzw. die Wichtigkeit jener einzelnen Versatzstücke verweisen. Ich fand es jedoch nicht immer eindeutig, wozu diese Einzelteile im Rahmen der Gesamthandlung dienen. Auf manche hätte ich subjektiv als Leser auch gerne verzichtet.
- Drittens: Der Autor bedient sich in Bezug auf Gramo Darn gewisser Klischees. Klar, Gramo Darn ist der Held, aber dennoch war es doch gelegentlich etwas zu dick aufgetragen. Da bin ich jedoch zu Zugeständnissen bereit, weil es erst Thurners zweites Buch aus dem Universum ist.
- Vierter Punkt: Sehr positiv fand ich dagegen, dass dieses Buch gewisse Fragen thematisiert bzw. aufgreift. Die Position des Einzelnen in der Gesellschaft (und für sie als Ganzes), die Kreisläufe des Lebens usw. Teils ernsthaft beschrieben, teils auch etwas auf die Schippe genommen. Gut so!
- Fünftens: Das Ende war in Ordnung, obwohl gewisse Handlungsstränge unaufgelöst blieben und ich mich erst einmal fragen musste, wo ich denn am Ende stehe. Gegenwart, Vergangenheit... ? Letzten Endes ergibt es jedoch Sinn und läuft rund. Zumindest jene großen Erzählstränge (nicht unbedingt die vielen Einzelnen) finden zusammen. Nur manche Fragen bleiben halt ungelöst, was wie jene anderen Ministücke andererseits auch wieder gleich in die Negativkerbe haut.
Fazit:
Michael Marcus Thurner schrieb mit diesem Buch durchaus gut (aber aufgrund der "gehobenen" Thematik keineswegs immer leicht) lesbare Lektüre. Manche Erzählstränge hätte er weglassen bzw. zusammenfassen sollen wie ich finde und manches bedürfte an sich noch der Aufklärung, aber prinzipiell kann man als Leser mit dem Buch gut leben. Die Thematik ist jedenfalls sehr interessant (auch wenn manches in Bezug auf den Helden wie gesagt leicht übertrieben war).