Etwas Philosophisches habe Richard Strauss nicht im Kopf gehabt, als er eines seiner beliebtesten Orchesterwerke komponierte. Dennoch lässt sich der Verdacht nicht ohne Weiteres entkräften, dass "Also sprach Zarathustra" op. 30 nur Musik um ihrer selbst willen enthält. Immerhin wählte Strauss für seine Vertonung programmatisch mehrere Szenen aus Nietzsches bedeutendstem Werk aus, die er trefflich und mitreißend musikalisch umsetzte.
Den "Zarathustra" ausschließlich auf die bombastische, bestens bekannte Einleitung zu reduzieren, wäre angesichts der Überfülle an warmer Melodik und überwältigender Dramatik gewiss inadäquat. Strauss setzt gezielt mehrere Höhepunkte: Man höre sich nur seine Darstellung der Sehnsucht, der Freuden und Leiden an! Anschließend versinkt die Musik im "Grablied", um sich schließlich in den nächsten zwei Szenen wieder aufzubäumen. Im wundervollen "Tanzlied" lässt der deutsche Komponist delikat eine Solovioline in den Vordergrund treten. Nach einem weiteren, beinahe traumtänzerischen Höhepunkt versiegt die Musik langsam zu einem Vaughan Williams artigen "Niente Ending".
Als ähnlich überwältigend gestaltet sich die Orchestersuite "The Planets" op. 32 des britischen Komponisten Gustav Holst (1874-1934). Teile aus seiner Suite oblagen zahlreichen Bearbeitungen, die vor allem als Filmmusik verwendet wurden und werden, obschon Holst sich zeitlebens gegen eine derart banale Verwendung seiner Kompositionen wehrte - erfolglos. Dementsprechend wird man den "Planets" nicht gerecht, sie einzig und allein mit "Star Wars" zu assoziieren.
Passend mögen die "Planets" ja sein, das offenbart bereits der Kopfsatz. Holst stellt in dieser seiner eigentlich einzigen bekannteren Komposition die acht Planeten unseres Sonnensystems vor - außer der Erde - und fügt ihnen mystische und mythische Eigenschaften bei. Und so ist der Mars der erste Planet, dessen Aggressivität und Aufbegehren beinahe schockieren. Sanfter stellt der britische Tonsetzer die Venus dar und kommt zu einer spritzigen, zarten Umsetzung seiner Vorstellungen vom Merkur. Highlight ist natürlich "Jupiter, the Bringer of Jollity". Das majestätische Hauptthema dieses Satzes darf getrost zu den populärsten Melodien klassischer Musik gezählt werden. In berückenden Bildern darf sich der Hörer anschließend an Saturn und Uranus erfreuen, bevor der Schlusssatz, "Neptune, the Mystic", mit seiner fast halluzinogenen Stimmung und dem Einsatz eines wortlos singenden Chores endgültig in den Bann dieser grandiosen Komposition zieht.
Die vorliegende Aufnahme des Boston Symphony Orchestras unter der Leitung des deutschen Dirigenten William Steinberg mit dem New England Conservatory Chorus stammt aus den Jahren 1970 und 1971 und erfreut sich hervorragender Aufnahmequalität. Ein Vorwurf, mit dem sich Steinbergs Interpretation immer wieder konfrontiert sieht, soll sofort entkräftet werden: Nein, Steinberg spielt nicht zu schnell, er befolgt lediglich die Partitur haargenau, setzt den virtuosen Charakter der Werke um und setzt straffe Akzente, die - gepaart mit der brillanten Orchesterleistung - die innere Spannung der Stücke auf ein zwingendes und packendes Maximum schraubt. Zudem stuft Steinberg sein Dirigat farbig und facettenreich ab, das Spiel fließt fein nuanciert, aber dennoch kontrastreich. Stets ist die Darbietung transparent und differenziert.
Selten beispielsweise habe ich Holsts Darstellung der Venus überzeugender erlebt, indes dieser Teil des Zyklus' gemeinhin als der am wenigsten gelungene bezeichnet wird. Der "Sonnenaufgang" im "Zarathustra" ist der strahlendste, den ich je gehört habe, sowieso dürfte Steinbergs Interpretation von Strauss' gewaltigem Orchesterwerk die beste und homogenste überhaupt sein.
Fazit: Eine weitere Sternstunde der DGG, die völlig zurecht in die verdienstvolle Serie der "Originals" aufgenommen wurde.