Holla, manchmal muss eine zünftige Prog/Death-Lehrstunde auch nur knapp 31 Minuten dauern, um für vollendete Tatsachen zu sorgen. So wie im Falle der Newcomer von THE FACELESS, die auf ihrem Zweitswerk "Planetary duality" so ziemlich alle Register ihres musikalischen Könnens unter Beweis stellen. Dabei geht das Quintett teilweise hart an die Grenze des Erträglichen - manchmal sogar darüber hinaus. Doch auch wenn die 9 Songs von "Planetary duality" ziemlich chaotisch und dissonanzverliebt aus den Boxen knallen...spätestens beim dritten Hördurchlauf fügen sich extreme Frickel-Granaten wie "Shape shifters" , "Sons of belial" , "Prison born" oder "Xenochrist" wie selbstverständlich zusammen, und brennen sich ohne Umschweife ins Langzeitgedächtnis des Hörers. THE FACELESS machen dabei im Grunde vor nichts halt. Im ICE-Tempo rasen sie durch ihre Songs und schütteln die Hammer-Riffs gleich reihenweise aus dem Ärmel. Die Basis dabei ist abgrundtief fieser Death Metal mit Schmackes, der aber an allen Ecken und Enden durch genreuntypische Einflüsse angereichert wird, und somit von seiner Unberechenbarkeit lebt. "Planetary duality" ist daher über die gesamte Spielzeit - wie gesagt nur 31 Minuten - eine einzige Sound-Wundertüte. Die Gitarristen zaubern wieselflinke Jazz-Soli aus dem Handgelenk, überzeugen dann im nächsten Moment durch "catchy" Melodien oder Groove-Riffs in MACHINE HEAD-Format. Der Schlagzeuger gibt hinter seiner Schießbude das wahnsinnige Drum-Ungeheuer und meistert selbst die anspruchsvollsten Taktwechsel und halsbrecherischsten Blastbeats mit fast unmenschlicher Leichtigkeit. Akustische Einsprengsel, überraschende Black Metal-Zitate, klassisch angehauchte Klavier-Intermezzos, urplötzlich ein waschechter Power Metal-Refrain wie aus dem Lehrbuch, dazu ein Metalcore-Beatdown der zum spontanen "Circle Pit"-Spaziergang einlädt....und danach wieder ballern, ballern, ballern. THE FACELESS sind anstrengend, chaotisch und dabei musikalisch über alle Zweifel erhaben. Dort wo pseudo-innovative Krawall-Combos wie BENEATH THE MASSACRE oder WHITECHAPEL dem Hörer lediglich akustischen Schmerz zufügen wollen, sorgen THE FACELESS immer wieder für "Entlastung" und haben dabei ein meterbreites Grinsen im Gesicht. Oder anders...diese Band klingt so, als würden Musiker von MONSTROSITY , DESPISED ICON , MESHUGGAH und CANNIBAL CORSPE (im LSD-Rausch und nach einer 5-Liter-Kanne Espresso!) nächtelang Coverversionen von CYNIC oder ATHEIST zocken.
Fazit: Planetary duality" ist ein Musterbeispiel für anspruchsvollen Prügel-Sound und gehört zusammen mit "Cosmogenesis" (OBSCURA) und "Resurrection macabre" (PESTILENCE) zu den unglaublichsten Prog/Death-Sternstunden des Jahres. Chaos mit Niveau !!!