Ein totes Neugeborenes, das nach der Geburt geatmet haben muss, wird auf einer Amisch-Farm gefunden. Seine 18jährige Mutter ist unverheiratet -- und Angehörige der strenggläubigen "Old Order Amish". Ein höchst spektakulärer Hintergrund für einen Kindsmord also.
Der Fall scheint klar, aber die Hintergründe haben es in sich. Die Wahrheit (welche Wahrheit? Die "plain truth" der "plain people"?) kommt nur zögernd und lückenhaft zum Vorschein. Am Ende erfährt man, was man nur vielleicht vage geahnt hat, Hinweise gibt es im Buch zwar, aber sie werden immer wieder von anderen möglichen Erklärungen überlagert.
Jodi Picoults Roman "Plain Truth" spielt bei den Amish, einer Sekte, die nach strengen Regeln lebt und ganz andere Werte als ihre Umwelt hochhält. Ihre Mitglieder unterscheiden sich nicht nur äußerlich von ihrer Umgebung; auch Denken und Handeln können Außenstehende nicht nicht ohne weiteres nachvollziehen.
"Plain Truth" gehört zu jenen derzeit beliebten Krimis, die in einem möglichst spektakulären und/oder skurrilen Milieu angesiedelt sind. Beherrscht der Autor sein Handwerk, und kennt er "sein" Milieu, so kann das Ergebnis faszinierend sein; man denke z.B. an die völlig verschiedenen, aber jeweils exzellenten Thriller von Tony Hillerman oder George Pelecanos. Wie steht es in dieser Hinsicht mit Jodi Picoult? -- Ihr "Plain Truth" zeugt sicher von gewissenhafter Hintergrund-Recherche, die Figuren sind individuell gezeichnet, und die Handlung entwickelt sich aus ihren Eigenschaften. Nichts grob Unlogisches. Soweit das Positive.
Die "schlichte Wahrheit" ist nämlich ziemlich umfangreich; oft hatte ich den Eindruck, dass die Autorin sich nicht hatte entscheiden können, ob sie nun einen Krimi schreiben sollte oder einen Roman über eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft. Hier wäre weniger mehr gewesen, denn Jodi Picoult gelingt es nicht, diese beiden Anliegen überzeugend zu verknüpfen. Obendrein leidet das Romanende an einer schweren Überdosis Harmonie. Zuviel Zuckerguss.
Insgesamt ist "Plain Truth" aber kein schlechter Roman. Wen das "Wie" und das "Warum" eines Krimis mehr interessieren als das "Was" und das "Wer", wer Wert legt auf einfühlsam charakterisierte Figuren und eine stimmige Atmosphäre, ist hier recht gut bedient und erfährt einiges über die abgeschiedene Welt der Amish und das ländliche Pennsylvania. Schade, dass die Krimihandlung viel zu oft einer recht bräsigen Weitschweifigkeit weichen muss. So hatte ich z.B. mehrmals den Eindruck, die Autorin wolle ihre Leser allesamt zu Experten in Sachen Neonatizid (Tötung Neugeborener) ausbilden. Gibt es dafür keine Fachliteratur?
Die Amish legen großen Wert auf Schlichtheit, erfährt man in diesem Roman, dessen Handlung von ein wenig mehr Schlichtheit deutlich profitiert hätte.