... da galt die menschliche Verfasserschaft als Leihgabe Gottes. Noch in den Überlieferungsketten des Mittelalters war die Zuordnung von Literatur zu einer Person zweitrangig. Es gab nur einen Eigner der Worte und des Wissens: Gott. In Schreibstuben wurden Texte "kompiliert, redigiert und zensiert". Derjenige, um dessen Worte es sich handelte, wusste, dass er keine Kontrolle über die weitere Verbreitung hatte. Texte wurden geändert, verlängert, verkürzt. Dies sollte sich erst mit der Mechanisierung der Vervielfältigung ändern. Erst mit dem Buchdruck gewann der Gedanke der Textstabilität an Bedeutung. (vgl. S. 136 - 140)
Wie aber konnte es dazu kommen, dass der "Textraub" mit einem Mal als Plagiat galt?
Es begann harmlos, so schreibt Philipp Theisohn auf Seite 133. Im Jahre 1449 hat ein gewisser Lorenzo Valla sechs Bücher der Elegantiae lingua Latinae veröffentlicht. Bücher, denen ein einmaliges Konzept zugrunde lag. Da die Inhalte aus seinen Vorlesungen bekannt waren (Valla war ein römischer Rhetorikphilosoph respektive Philosophierhetoriker) war es durchaus denkbar, dass andere seine Gedanken übernahmen und vorab unter eigenem Namen vortrugen. Und in der Tat, es schien, als ob ein derartiges Büchlein ihm bereits als Freundschaftsgeschenk überreicht worden ist. Valla meint den Verrat zu erkennen und äußert sich dementsprechend: "... und kann rechtmäßig den Vorwurf der plagiaria auf dich münzen." (vgl. S. 133 ff; das Zitat stammt aus Laurentius Vallas Elegantiae lingua Latinae, Basel 1540)
Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zum französischen Begriff plagiat, welches gemäß dem Dictionnaire historique de la langue francaise im Jahre 1697 entstanden ist. (vgl. S. 135)
Der Streit um das Recht am Text begann. Der historische Wandel im Kulturverständnis.
Im vorliegenden Buch wird ausgehend von der Bibel, dem Talmud und den alten Griechen die Literaturgeschichte nach dem Plagiats-Verständnis durchleuchtet. Selbstverständlich findet der neugierige Leser jede Menge praktischer Beispiele. Es geht quer durch die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit, bis hin zum Copy-Paste des Computerzeitalters.
Eines muss jedoch gesagt werden ...
Der Schreibstil dieses Buches erinnert mitunter an eine Doktorarbeit. Eine Doktorarbeit mit zahlreichen Fußnoten und langen Anmerkungen. Es ist schade, dass man manche Absätze mehrfach lesen muss, bis man den Sinn einigermaßen verdaut hat. Trocken und zäh. Die Wortwahl nicht immer einfach verdaulich. Womöglich ist dieses Buch gar nicht für die breite Masse gedacht? Womöglich sollen sich nur Studenten der Literatur damit beschäftigen? Letzteres wäre freilich bedauerlich, denn das Thema ist spannend und könnte, würde man es anders verpacken, sicher ein Bestseller werden. Um dies zu erreichen, wäre auch ein größeres, besser lesbares Schriftbild hilfreich.
Mein Fazit:
Ein interessantes Thema, welches sehr sachlich und trocken präsentiert wird. Zahlreiche Fußnoten und Anmerkungen ergänzen die vielfältigen Informationen. Perfekt für Germanistikstudenten. Persönlich hätte ich einen lebendigeren, weniger theoretischen Schreibstil vorgezogen.
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Ein Kommentator wollte am 27. Nov. letzten Jahres wissen, zu welchem Schluss bzw. zu welcher vergleichenden Bewertung die Autoren kommen. Mein Antwort (nach dem Hinweis, dass es sich um NUR einen Autor, nämlich Philipp Theisohn handelt) war ein Textbeispiel. Ein Zitat von der letzten Textseite (allerdings nicht der Schlusssatz) (538):
"Jede Zeit konnte es mit ihren eigenen juristischen, ökonomischen, theologischen oder psychologischen Schimären beladen, und gerade die Schlemihl'schen Versuche (33) der digitalen Industrie, das von ihr in Beschlag genommene geistige Eigentum im Augenschein seiner offensichtlichen Substanzlosigkeit unter massiven Einsatz von Geld und Skrupellosigkeit zu retten, sprechen eher dafür, dass auch neue, digitale Plagiatsnarrative nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen werden."
Theisohns Buch ist eine Beschreibung vergangener und gegenwärtiger Verhältnisse. Eine Beschreibung anhand von zahlreichen praktischen Beispielen aus der schreibenden Zunft, wobei es nicht nur um 'Plagiate' geht, sondern auch um die Veränderung des Wesens der 'Schreiberei'. Dies wird im letzten Gegenwartsbezogenen Kapitel zum Beispiel deutlich anhand der beschriebenen Webpräsenzen.