Makoto Shinkai ist eigentlich nie ein großer Anime-Fan gewesen. Nur die Meisterwerke von Hayao Miyazaki hat er sich in aller Regelmäßigkeit angesehen. Nachdem er japanische Literatur studierte und sich zunächst im Design von Videospielen versuchte, arbeitete er sich als Autodidakt in die Welt der Animes ein. Ein Blick auf die intelligent, architektonisch konstruierten Storyboards lässt erahnen, wo die eigentlichen Referenzen für diesen Film liegen. Seine Faszination für Kubricks "2001: Eine Odyssee im Weltraum" schimmert immer wieder in einzelnen Bildern durch. Sein unglaubliches Talent ließ er schon bei seinem Debüt "Voices Of A Distant Star" aufblitzen. Sein Zweitwerk "The Place Promised In Our Early Days" bescherte ihm den Titel des neuen Miyazaki am Anime-Firmament.
In einer fiktiven Parallelwelt, in der Japan nach dem zweiten Weltkrieg von den Siegermächten in Norden und Süden aufgeteilt wird, werden Sayuri und ihre beiden Freunde Takuya und Hiroki von einem ominösen Turm biblischen Ausmaßes magisch angezogen. Der Turm befindet sich hinter der Grenze auf dem Territorium der nördlichen Union. Sie geben sich das Versprechen, eines Tages mit einem selbst konstruierten Fluggerät über die Grenze zu fliegen und das Geheimnis des Turms zu lüften. Von naiven Kindern zu jungen Menschen herangewachsen, trennen sich plötzlich ihre Wege, als Sayuri ohne Worte aus dem Leben ihrer beiden Freunde verschwindet. Sie gerät in das Spiel von Kräften, die Interesse am Ausbruch eines Krieges zwischen Norden und Süden haben. Die zentrale Rolle spielt dabei der Turm auf der nördlichen Insel Ezo. Er steht im Kontext zu Paralleluniversen, die aus luziden Wahrträumen entstehen und Informationen über den zukünftigen Lauf der Dinge enthalten. Der Turm ist in der Lage in einem bestimmten Umkreis vorhandene Materie durch Materie aus anderen Paralleluniversen zu substituieren. Wissenschaftler des Nordens forschen fieberhaft, um die Funktionsweise des Turms zu entschlüsseln und dessen Wirkungsradius zu vergrößern. Sayuri ist inzwischen zu tief in die Permutation vorgestoßen und wird nun zu einem Forschungsobjekt des Nordens. Für ihre beiden Freunde ist sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Sie begeben sich auf die Suche nach ihr.
Nahezu alle hochwertigen Animes sind ähnlich wie Parabeln aufgebaut. Shinkais ambitionierte Kunst reiht sich da nahtlos ein. Er zeichnet eine unvollkommene Gesellschaft und die daraus resultierende tiefe Emotionalität ihrer Menschen, die durch die Notwendigkeit der puren Vernunft an dieser Welt verzweifelt scheitern. Mit dem Erwachsenwerden ist zwangsläufig das Aufgeben von Idealen verbunden. Erst recht in einer Zeit des Kalten Krieges, die von Schmerz und klaustrophobischer Angst begleitet wird. Der individuellen Entfremdung stellt Shinkai den hohen Wert der Freundschaft gegenüber. Die Handlung wird am Anfang des Films von der Dreiecksbeziehung der Freunde zueinander dominiert, die in nostalgischen Rückblenden bebildert wird. Sie mündet dann aber immer mehr in ein Science-Fiction-Plot. Wie bei allen Animes, darf natürlich auch in diesem Film eine mystische Note nicht fehlen.
Grafisch gesehen ist der Film eine wahre Perle und übertrifft selbst die Werke eines Miyazaki. Auffallend sind vor allem immer wieder die Sequenzen anmutiger Einsamkeit, die Shinkai um Sayuri kreiert. So lässt er sie beispielsweise völlig in kindlichen Gedanken versunken auf den verlassenen Schienen einer Bahnlinie mitten durch eine pittoreske Landschaft balancieren. Die eigentlich mit negativen Gefühlen assoziierte Einsamkeit, wird bei Shinkai mit sehnsuchtsvoller, emotionaler und elegischer Wärme erfüllt. Oft sind die einzelnen Sets mit nicht mehr als zwei oder drei Figuren bebildert. Dadurch rücken sowohl die Individualität der Figuren, als auch deren vertraute Intimität zueinander stärker in den Vordergrund. Was Shinkai grafisch von Miyazaki abhebt, ist das Spiel mit Licht und Schatten, das er technisch perfekt beherrscht. Lichtreflexionen setzt er raffiniert in eine eindringliche Bildsprache um. Durch jegliche Spalte und Ritzen lässt er Sonnenstrahlen hereinbrechen, die dann die Konturen ihrer Fixpunkte ausdrucksstark zum Vorschein bringen und sehr emotionale Details in der Physiognomie der Figuren herausschälen. Selbst in den stets mit Tränenwasser gefüllten Augen der Protagonisten lässt Shinkai das Licht reflektieren. Die Schatten, die er bei seinem Lichtspiel herausarbeitet, verleihen den Bildern den Hauch eines Film-Noir. Die Hintergründe koloriert er impressionistisch mit starken Farbkontrasten, die je nach Dramaturgie zunehmend in düstere Kompositionen münden. Eindrucksvoll sind die visuellen Übergänge der Szenerie, wenn zwischen den luziden Wahrträumen der Protagonisten und der Realität blitzartig und fließend gewechselt wird. Rein visuell betrachtet, ist das ein sehr ambivalenter Film, der stark zwischen aufgehellten und dunklen Bildkompositionen changiert.
Diese DVD ist im Rahmen der Intro-Asien-Reihe von Rapid Eye Movies erschienen. Äußerst gelungen ist bei dieser Veröffentlichung das Artwork des 16-seitigen Booklets im Hochglanzdruck, das nicht nur eine ausführliche Deskription beinhaltet, sondern auch mit wunderschönen Grafiken des Films aufwartet. Die deutsche Tonspur liegt nur in DD 2.0 vor, die Japanische in DD 5.1. Das Bildformat ist 1,85:1. Als Bonus gibt es Interviews, einen einführenden PONS-Sprachkurs in die japanische Sprache und Kinotrailer.