Das Buch ist eine Zumutung und einfach nur ärgerlich!
Der Untertitel "Was gute zeitgenössische Kunst ausmacht" soll Leser anlocken, führt aber völlig in die Irre: Es gibt keine allgemein verbindlichen Kriterien für zeitgenössische Kunst und das weiß auch Heiser. Das einzige Kriterium, das er dann bietet, steht auf der letzten Seite: Gute Kunst "behält ein gesundes Mißtrauen gegenüber den Schulen, die sie selbst bildet. Einfacher geht's leider nicht." Das ist banal.
Heiser versteht unter "Übersicht", dass er Ihnen alle zwei Seiten wie in einem Lexikon einen neuen Künstler vorstellt. Das ist keine Kunstkritik, das ist Kunstberichterstattung. Seine Auswahl erscheint willkürlich: Polke, Rauch und Richter werden besprochen, Immendorf, Lüpertz oder Salomé nicht. Angeblich exemplarische Werke beschreibt Heiser oberflächlich in wenigen Sätzen und deutet sie in noch weniger Sätzen.
Bereits die Beschreibungen der Kunstwerke sind nur mit Mühe verständlich - ich habe ständig nach den Bildern googeln müssen, um zu begreifen, was Heider da eigentlich beschreibt, denn nur ein kleiner Teil der besprochenen Werke ist im Buch auch abgebildet. Im Grunde setzt Heiser voraus, dass Sie die Künstler bereits gut kennen. Als Einführung in zeitgenössische Kunst ist das Buch also total ungeeignet.
Vollig unverständlich sind Heisers Analysen. Dafür 3 typische Beispiele:
1.
Gerhard Richter "... führt gekonnt eine Art Versumpfung des Bildgrundes in Farbe und Verteilung herbei, so als wäre das Gestische zum roboterhaften Selbstläufer ins Leere geworden."
2.
In der Videoinstallation "Im am in You" von Doug Aitken "... entsteht eine modulare Architektur, in etwa wie ein Klappstuhl, der auf die Seite gelegt und um seine Achse herum multipliziert wird."
3.
"Von der Wahl zwischen metrischer Synchronisation und intuitiver Kumulation, zwischen Loop und linearer Folge geht die Entwicklung zur räumlich und zeitlich sequenzierten Synkope."
Das ist semantische Hohlraumversiegelung, wie man es aus schlecht gemachten Ausstellungskatalogen kennt.
Viele starke Behauptungen werden von Heiser überhaupt nicht begründet. So meint Heiser z. B. zu Daniel Richter: "Den 'engagierten Maler' zu markieren, hätte in sich etwas dämlich Anmaßendes." Als Kunstlaie können Sie nur zur Kenntnis nehmen, dass engagierte politische Kunst zur Zeit in der Szene offensichtlich als dämlich und anmaßend gilt. Aha!
Apropos Begründungen: Fußnoten mit Literaturverweisen fehlen.
Die Sprache Heisers ist unangenehm schnodderig und soll wohl irgendwie cool und hip und jugendlich wirken. Wahrscheinlich schwadroniert man so geschwollen auf Ausstellungseröffnungen und Kunstmessen.
Als Laie, der Sie weder Kunst studiert haben noch zur Kunstszene gehören, schließt Heiser Sie aus und macht Ihnen auf jeder Seite deutlich, dass Sie blöd sind und keine Ahnung haben.
Ganz furchtbar ist das Kapitel "Kunst und Markt". Über die Verstrickung gerade zeitgenössischer Kunst in den kapitalistischen Kunstmarkt, darüber, wie Hypes gemacht und geplant werden, und über die mafiösen und korrupten Strukturen zwischen Galeristen, Sammlern, Kuratoren, Künstlern und Kunstkritikern erfahren Sie hier gar nichts. Da sollten Sie unbedingt das vorzügliche Buch "Hype" von Piroschka Dossi lesen!