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Plötzlich sah die Welt ganz anders aus: Schlüsselerlebnisse
 
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Plötzlich sah die Welt ganz anders aus: Schlüsselerlebnisse [Broschiert]

Ronald Henss

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Schlüsselerlebnisse – Situationen, in denen die Welt in einem anderen Licht erscheint. 14 Kurzgeschichten von Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Umschlagtext

Dieses Buch enthält eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichtenwettbewerb „Schlüsselerlebnisse“. 14 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erzählen von Situationen, in denen die Welt in einem anderen Licht erschien.

Auszug aus Plötzlich sah die Welt ganz anders aus : Schlüsselerlebnisse von Ronald Henss. Copyright © 0. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Reinhard H. Kludas: Als jedes Ende ein Beginnen war

Ein sternenklarer Februarhimmel spiegelte sich in der schneelosen Eisfläche. Der aufgehende Wintermond mit seinem kalten Licht begleitete uns auf dem glitzernden Eis bis zum vermeintlichen Ende, da, wo am Horizont eine aus Eichenpfählen grob gezimmerte mächtige Brücke die beiden Ufer des Wintersees überspannte. Einst rollten mit Feldfrüchten beladene Lorenzüge darüber. Nun aber rosteten die Gleise dahin. Gespenstisch wirkten die Silhouetten der niedrigen Weidenbüsche, die im Sommer, wenn die Wiesen nicht überschwemmt waren, die Schlängellinie des Flusslaufs kennzeichneten. Wir mieden jetzt diese Stellen, da um sie herum das Eis meistens nicht trug. Am Abend, wenn die Jüngeren bereits zu Hause waren, gehörte uns das riesige Eismeer, auf dem wir unsere beginnenden Kräfte erprobten und mit unserem Können wetteiferten.

Bernadette Reichmuth: Das Lied des Monitors

"Ich habe Angst", sagte meine Mutter und ihr Kinn zitterte.
Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben. Ein Blick in ihr zerknittertes Gesicht bestätigte jedoch meine Wahrnehmung.
Es war ja nicht so, dass sie keinen Grund zur Angst gehabt hätte - eine große Operation in ihrem hohen Alter mit einem völlig ungewissen Ergebnis, wer würde sich davor nicht fürchten?
Das Ungewöhnliche war also nicht, dass sie Angst hatte. Sondern dass sie es zugab, wenn auch nur für die kurzen Augenblicke einiger Herzschläge. Wie eine Tür, die sich für Sekunden einen Spalt weit öffnet und einen Blick auf das gestattet, was dahinter verborgen liegt.
Gleich darauf verschloss sich ihr Gesicht wieder und sie zog in vertrauter Bewegung die mageren Schultern hoch und den Rücken gerade.

Heike Schwarze: Missis Sippi's Blues

Der Tag, an dem sie Rosie Townsends Fahrrad aus dem Fluss zogen, war ein Tag, an dem ich wie so oft oben am Fenster stand und mich fragte, wie die Zukunft wohl sein wird. Es war ein regnerischer Tag im Juli, es regnete schon seit Wochen fast pausenlos, und der Fluss war an mehreren Stellen über die Ufer getreten. Der alte Bradley meinte, wenn man sich bei der Strömung in die Fluten stürze, käme man auf einem Baumstumpf schiffend an einem Tag bis nach Louisiana und weiter, vorausgesetzt, man überlebe den Ritt. Dann kicherte er wie ein alter Mann, der schon zu oft vom Pferd gefallen und wieder aufgestanden und davon ein wenig wunderlich geworden ist, und steckte sich seine Pfeife zwischen die eingefallenen Lippen, wie er es immer zu tun pflegte. Er saß mit Sicherheit unten auf der Veranda in seinem Schaukelstuhl, lauschte dem Trommeln des Regens auf dem Vordach - wenn er es überhaupt noch hören konnte - und paffte ein paar schwache Züge, die ...

Evelyn Brandt: Antonia

Sie lächelte nie. Auf andere wirkte sie verhärmt und freudlos. Es fiel schwer, etwas Liebenswürdiges an ihr zu entdecken. Ihren langen weißen Haaren fehlte jene Leichtigkeit und träumerische Schwere, die lange Frauenhaare haben. Ihre jedoch waren ohne Schwung und Farbe. Sie pflegte sie nicht, ließ sie speckig und matt werden, bis sie an ihrem schmalen, scharfkantigen Gesicht rechts und links herunterfielen wie verwelkte Schneeglöckchen. Ihre schwarzen Augen lagen so tief in den Höhlen, dass sie wie Stechäpfel aus ihnen hervorschauten, gehetzt hin und her sprangen und bedrohlich wirkten.
Sie war nicht schön. Auch früher nicht, als sie noch in der Blüte ihres Lebens stand. Sie wusste das. Als sie sich morgens noch das Gesicht wusch, stand sie nie vor dem Spiegel, um prüfend allen Fältchen, die sich über Nacht zu den alten dazulegten, auf die Spur zu kommen. Aber sie sah in ihre Augen und fürchtete sich. Später hörte sie deshalb auf sich zu waschen.

Stefan Seifert: Die Stadt

Vermutlich kommt jeder Mensch irgendwann einmal in eine Situation, in der er sich fragt: Was mache ich jetzt mit meinem Leben? Bisher ging es so wie es ging, ohne dass wirkliche Initiative von mir verlangt wurde, doch jetzt muss ich selber das Heft in die Hand nehmen und meinem Schicksal eine entscheidende Wendung geben. Ich allein muss bestimmen, welches Ziel ich mir setze, welchen Weg ich einschlagen will.
Die meisten Menschen stellen sich derartige Fragen gegen Ende ihrer Schulzeit, wenn es darum geht, was sie einmal studieren oder welchen Beruf sie erlernen sollen. Dann verzweigen sich die Lebenswege. Jeder schreitet auf der von ihm gewählten Bahn mehr oder weniger erfolgreich voran und entwickelt dabei besondere Fähigkeiten und Neigungen, während andere Dinge, die bisher von Bedeutung erschienen, in den Hintergrund treten und allmählich verblassen.

Sandra Henke: Inzwischen da

Dazwischen. Zwischen den Stühlen. Ja, da sitze ich. Um wenigstens mit einer Pobacke sesshaft zu sein, fahre ich nach Bitterfeld, um bald darauf nach Bruchsal zurückzukehren, denn Micha ist nicht gerne allein. Er braucht mich, meine vermeintliche Stärke. Und ich brauche es, gebraucht zu werden, aber eben auch schwach sein zu dürfen und Bitterfelder Luft zu atmen. Bei Achim schöpfe ich Kraft, bin ganz Frau. Doch welche Frau möchte schon die ganze Zeit an der Leine laufen?
"Ob der Zug mein wahres Zuhause ist?", frage ich mich und wische mit der Handfläche über die Fensterscheibe. Sinnlos. Das Glas ist nicht nur von innen beschlagen, sondern auch von außen befroren. Ich sehe nicht klarer. Selbst mein Spiegelbild in der Scheibe ist verzerrt. Ob ich eine neue Brille brauche?
"Sie fahren sicher zu Ihrem Freund?" Die ältere Dame, die mir gegenübersitzt, lächelt wissend und tätschelt mir die Hand. "Sie haben sich so schick gemacht."

Antonia Stahn: Bankgeheimnis

Tag für Tag sitzt der alte Mann auf der Bank im kleinen Park hinter dem Theater.
Kaum jemand kennt die kleine, grüne Oase in dem Häusermeer hinter dem Schauspielhaus. Manchmal kommen einige Schauspieler durch die Hintertür auf die angrenzende Terrasse. Sie lehnen sich an das brüchige Holzgitter, ziehen hektisch an ihren Zigaretten. Gegenstand ihrer Unterhaltung ist immer das Schauspiel - und natürlich der Regisseur.
Die Welt um sie herum zählt nicht. Auch nicht der Alte auf der Knüppelholzbank. Er fällt nicht auf. Einer der wenigen Parkbesucher hat ihn schon einmal für ein seltenes Hartholzgewächs gehalten. Den stillen Menschen schmerzt das nicht.
Früher, früher hätte er sehr unter Nichtbeachtung gelitten. Doch den Jahrmarkt der Eitelkeiten hat er vor vielen Jahren verlassen. Er ist mit seinem derzeitigen Leben völlig zufrieden.

Dorothea Stiller: Mehr als nur Kartoffeln

Easington war ein typisches Bergarbeiter-Städtchen im County Durham, mit den charakteristischen anderthalbgeschossigen, lang gestreckten Reihenhäusern aus rotem Backstein, schmuddeligen Hinterhöfen und schmucklosen Fassaden, über denen die Fördertürme der Zeche Easington zu sehen waren. Es war ein verregneter Winter und eine niedrige, graue Wolkendecke hing über den Dächern der Stadt. Hatte diese frühindustrielle Tristesse für gewöhnlich durchaus ihren Charme, so war sie in diesem Winter erdrückend. Es war nun schon fast ein Jahr her, seit im vergangenen März die Minenarbeiter aus Protest gegen die geplante Stilllegung von rund 20 Zechen beschlossen hatten, die Arbeit niederzulegen, auch wenn die Zeche in Easington selber nicht auf der schwarzen Liste des National Coal Board stand. "Noch nicht", wie mein Vater damals zu sagen pflegte.
Zehn zermürbende, trostlose Monate, in denen wir am Rande des Existenzminimums lebten. Zehn Monate, in denen mein Vater unermüdlich damit beschäftigt war, Streikposten zu organisieren.

Susanne Weinhart: Metamorphosen

Eine Freundin aus der Schulzeit hatte es mir erzählt oder besser: enthüllt, zwischen dem Selbstmordversuch ihres Schwiegervaters im Altersheim im Juni und dem Roggenanteil ihres Käsebrotes, ich hätte es sonst nicht gewusst, und wahrscheinlich wäre ich nie wieder in das, was sich gemeinhin sein Leben nannte, gegangen. Das war noch nie ein guter Ort gewesen, an gute Orte zog es mich nicht hin, und der Weg in gute Orte war viel zu gut beleuchtet. Robert, der autarke Stadtstaat oder ein schlecht beleuchtetes Ortsschild in einem beschlagenen Rückspiegel, bei ihm hatte ich den Genitiv nach "wegen" gelernt und wie man sich das Leben künstlich schwer machen kann. Am deutlichsten erinnerte ich mich daran, dass er bei schlechtem Wetter keine Kontoauszüge holte, manchmal wochenlang nicht, weil er steif und fest behauptete, bei Regen sei "immer weniger auf dem Konto als man denkt" und auf mein Kopfschütteln mit seinem Standardsatz reagierte, ich solle aus meinem Denken endlich die Gedankenstriche streichen. Ich nahm mir dann gnadenlos meine Interpunktion vor und strich alles, bis auf einen Punkt. Den Schlusspunkt.
"Warum?", fragte die Frau am Kiosk, als die ersten Narzissen blühten. "Er sah so sympathisch aus."

Cornelia Koepsell: Prickelpit

Anna drückte sich in der Küche herum. Ein Ort, den sie sonst mied. Der Aufenthalt barg die Gefahr, der Mutter helfen zu müssen. Das war langweilig. Anna wollte spielen oder sich verstecken und lesen. Wenn die Mutter sie fand, musste sie helfen. Das passierte selten. Anna kannte alle Verstecke.
Beim Spielen war sie außer Reichweite - irgendwo auf der Straße, in den Gärten, auf Geheimwegen, in Höhlen, auf Bäumen. Jetzt stand Anna in der Küche und wartete, dass die Mutter hinausging. Es war so weit. Die Mutter eilte ins obere Stockwerk, die Betten zu machen. Genug Zeit also.
Anna stellte sich auf die Zehenspitzen und schob ihre kleine Hand unter das Tablett auf dem Geschirrschrank. Sie spürte das weiche Leder des Geldbeutels. Er lag immer an der gleichen Stelle. Sie zog ihn herunter, drückte mit Daumen und Zeigefinger gegen die zwei ineinander verschlungenen Knubbel, so dass er aufsprang. Zum Glück enthielt er viel Kleingeld. Es würde nicht auffallen, wenn sie drei Groschen herausnahm. Das reichte für Prickelpit, Negerkuss und Karamellbonbons.
Es war schlecht, was sie tat. Anna wusste das.

Ronald Henss: Und sie tanzen einen Tango ...

Ja, wir waren eine glückliche Familie.
Und seit kurzem hatten wir nun auch ein Auto.
Ich war damals noch zu klein, um zu begreifen was es heißt, von einem einfachen Fabrikarbeiter zu einem Vertreter aufzusteigen. Mein Vater musste jetzt nicht mehr jeden Tag mit dem Fahrrad zur Fabrik strampeln. Nicht mehr jeden Tag harte körperliche Arbeit verrichten. Jetzt war er wer. Jetzt gehörte er zu den wenigen im Dorf, die ein Auto besaßen. Es war zwar nur der Firmenwagen, aber Pappa konnte frei darüber verfügen.
An jenem Tag durften wir mit zur Betriebsfeier. Aufgeregt stiegen wir ein. Meine Schwester hinten, ich vorn neben Pappa. Mamma winkte uns noch lange nach und wir winkten fröhlich zurück. Die Fahrt verging wie im Flug und schon hieß es: "Alle aussteigen!"

Ralf Schwob: Nick

Jenseits der Leitplanken spottet ein Einkaufszentrum dem anderen, und über den sonntäglich leeren Parkplätzen schmiegen sich die bunten Fähnchen Schutz suchend an ihre Masten. Ein wolkenschwerer Himmel über der Autobahn und leichtes Gepäck auf der Rückbank - so könnte etwas beginnen oder zu Ende gehen, denke ich auf einmal, aber angefangen hat es eigentlich schon mit Nicks Weihnachtskarte. Die Karte blieb über die Feiertage auf der Kommode im Flur liegen, und noch bevor ich mich entschließen konnte, sie zu beantworten, schickte Nick eine zweite Karte mit Neujahrswünschen. Sie habe momentan viel Zeit, schrieb sie, und seit es ihr wieder besser gehe, denke sie oft an früher, ob ich auch oft an früher denke, wollte sie wissen, denn schließlich kämen wir nun beide in das Alter, in dem man sich zu erinnern beginne, schrieb Nick, so als ob wir mit Ende dreißig bereits alte Frauen wären, die sich mit Kindheits- und Jugenderinnerungen über die beginnende Menopause hinwegtrösten müssen, und um ehrlich zu sein, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt keine Veranlassung gehabt, an Nick zu denken oder mich an ihre pausbäckige Mutter und den schweigsamen Vater, der den ganzen Tag auf ein Kissen gestützt aus dem Fenster sah, zu erinnern.

Jutta Baur: Ein Tag im Juli

Das Geräusch sitzt tief in meinem Kopf. Es hat sich so fest hineingegraben, dass ich ihn manchmal schütteln muss, um das Klirren loszuwerden. Morgens, mittags, abends - ein endloses Lied von quietschendem Metall! Auch wenn ich die Hände ganz fest auf die Ohren presse, höre ich die Schlüssel, die sich drehen und diesen entsetzlich quälenden Ton von sich geben. Seit 25 Jahren Tag für Tag: Gitterstäbe und Schlösser.
Ich habe oft überlegt, ob ich versuchen sollte, in die Wäscherei zu kommen oder zur Baukolonne. Es ist verdammt hart sich im Sommer 12 Stunden lang die Sonne auf den Kopf brennen zu lassen. Die Hitze kann hier im Juli so mörderisch sein, dass man kaum genügend trinken kann, um den ganzen Schweiß zu ersetzen. Da machen viele schlapp. Vielleicht lässt sich etwas mit der Wäscherei machen. Schließlich bin ich lange genug hier und kenne die richtigen Leute ... Ich muss unbedingt das Geräusch loswerden.
Es gab eine Zeit in meinem Leben, da lag die Zukunft hell und glatt vor mir, wie die Felder meines Vaters in der Sonne Oklahomas. Ich mochte es, Dad auf der Farm zu helfen. Schon als kleines Kind träumte ich davon, irgendwann einmal den Traktor zu fahren. 38er Baujahr - ziemlich alt. Aber wenn er den Pflug hinter sich herzog und tiefe Furchen im Ackerboden zurückließ, war er mächtig beeindruckend.

Karin Reddemann: Nur dein Butterbrot

Meine Mutter muss schon recht lange dort am kaputten Jägerzäunchen gestanden haben, das unseren alten Schulhof von der Wilhelminenstraße trennte. Wir hatten Pause, und die Evangelischen spielten in ihrem abgesteckten Bereich im hinteren Teil des Hofes, wo die Kastanien standen, während wir Katholischen uns vorn aufhielten. Das alles war gestern.
Heute sah ich ein weggeworfenes Butterbrot unter der hoch gewachsenen Hecke liegen, die an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule unbekümmert und unbeschnitten wuchert. Musste heulen, konnte immer noch nicht anders, die Tränen schossen mir fast liebevoll und doch nicht gewollt in die Augenwinkel, und verstohlen wischte ich sie mit dem Zeigefinger weg. Sollte keiner sehen, sollte keiner fragen. Ich sentimentales alte Weib, wer hätte mich denn verstanden?
Meine Mutter stand dort am Jägerzäunchen in ihrem hässlichen zerschlissenen braunen Mantel, die Pause war fast vorbei, und ich war so herrlich unbekümmert. Es war Krieg, mein Vater starb vermutlich irgendwo, und wir hatten wenig Gutes zu essen.

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