PIXOTE (auf Deutsch "Bengel") ist einer der großen Filme aus Südamerika. Sein Regisseur, der Brasilianer Hector Babenco, ist für einen weiteren Welthit verantwortlich - "Der Kuss der Spinnenfrau".
PIXOTE zeigt ein Leben, das zu führen man von keinem Menschen verlangen darf. Der Hauptdarsteller, der 11-jährige Fernando Ramos da Silva, hat das Gesicht einer verlorenen, entzauberten Jugend (und in der Tat vollendet sich das Leben von da Silva folgerichtig diesem Film, als er mit 19 von der Polizei bei einer Razzia erschossen wird). In seinem Blick liegt keine Verletzung, kein Bedauern, sondern die völlige Akzeptanz eines verzweifelten Lebens. Der Film hat einen brutalen, pseudo-dokumentarischen Realismus und ist dabei schockierend poetisch. Babencos Darstellung des alltäglichen Grauens reißt den Zuschauer hinein ins Geschehen, er kann sich dem Sog dieser zerfleischenden und herzzerreißenden Story kaum entziehen. Tiefer geht's nicht.
Die Geschichte der vier Protagonisten, Pixote und seiner Freunde Lilica, Dito & Chico, wird ungeschönt erzählt, wir folgen den Jungs durch ihre tägliche Hölle. In einer Besserungsanstalt machen sie erste Bekanntschaft mit Brutalität, Unterdrückung, Vergewaltigung und Drogen. Als sie die Grausamkeiten nicht mehr ertragen, brechen sie aus und versuchen als kleine Gang in der erbarmungslosen Welt von Armut und Gewalt in Sao Paulo und Rio zu überleben. Als Straßenkinder halten sie sich mit kleinen Gaunereien über Wasser. Hunger treibt sie in immer größere Gefahren, bis sie anfangen, mit Drogen zu dealen. Bei der abgewrackten Hure Sueli finden sie Unterschlupf - sie umgarnt ihre Freier, und die Jungs rauben diese aus. Die Ausweglosigkeit dieses Lebens führt folgerichtig zu Mord.
Babenco erspart dem Betrachter nichts, die Welt seiner vergessenen Straßenkinder ist dreckig, grausam und sadistisch. In entwaffnender Offenheit schreckt er auch vor jugendlicher Nacktheit und Sexszenen nicht zurück, die heute ganz und gar nicht "politically correct" sind. Immer wieder erinnert dieser Film an die cineastische Sprache von Luis Buñuel, und Babenco gelingt es, mit seinen größtenteils nicht-professionellen Darstellern und der überwältigenden Story die bitterste und grausamste Kindheit auf Film zu bannen.
PIXOTE, der Film der die Öffentlichkeit 1980 wie ein Schock traf, weil er die Realität unverstellt zeigt, ist nun endlich nach fast 30 Jahren als DVD erhältlich - aber Babenco sagt heute, die Situation der Straßenkinder in seiner Heimat sei nach all den Jahren schlimmer als damals. Der deutsche Titel "Asphalthaie" ist gar nicht mal so schlecht.
Der 77-minütige Dokumentarfilm "Pixote in memoriam" (2007) ist als Bonusfilm Deutsch untertitelt mit auf der DVD.