Vor einiger Zeit schuf Dmitry Glukhovsky mit "Metro2033" ein innovatives wie stimmungsvolles Fantasy-Horror-Endzei-Epos. Der Erfolg der Geschichte bescherte uns nicht nur einen Nachfolgeroman, sondern ein ganzes Universum, in dem zahlreiche Autoren mittlerweile ihre Ideen auf Papier bannen. In Deutschland gab es dort zunächst das eher mäßige "Das marmorne Paradies" von Sergej Kusnezow, sowie das meiner Ansicht nach sehr gelungene "Die Reise ins Licht" von Andrej Djakow. Nun betritt Schimun Wrotschek mit "Piter" also das Metro2033-Universum. Und hat damit meiner Ansicht nach den bisher überzeugensten Auftritt abgeliefert.
Kurz zum Setting:
Nach einem Atomkrieg ist die Erdoberfläche größtenteils unbewohnbar geworden. Radioaktivität und schrecklich mutierte Gestalten haben die letzten überlebenden Menschen in die Tiefen der Metros getrieben. Schauplatz von "Piter" ist sinnigerweise die St. Petersburger Metro.
Der Stalker/Digger Iwan bereitet sich auf seine Hochzeit vor - da wird seiner Station der überlebenswichtige Dieselgenerator gestohlen. Iwan macht sich auf, mit seinen Kumpanen das dringend benötigte Gerät zurückzuholen - der Startschuss für ein abwechslungs- und actionreiches Abenteuer.
Metro2033, das bedeutet düstere, beklemmende Atmosphäre. Das bedeutet neue Gesellschaftssysteme, die interessante Mischung von zivilisatorischen Hinterlassenheiten und einer Welt, die inzwischen ohne den Menschen auskommt.
"Piter" erfasst das alles außerordentlich gut. Auch weil Wrotschek sich anders als die anderen SpinOff-Romane auf über 600 Seiten ausreichend Zeit nimmt, seine Geschichte zu erzählen. Er stellt seine Charaktere vor, lässt sie miteinander interagieren, bringt dem Leser die Orte und Gegebenheiten näher und erschafft damit ein packende und realistisches Bild.
Dabei nutzt der Autor geschickt den Freiraum, den das Szenario Metro2033 bietet: Seine Charaktere sind ein herrlich zusammengewürfelter Haufen, keine Stereotypen von den Regalen. Sie sind nicht eindimensional, sondern haben Licht- und Schattenseiten. Keine abgrundtiefen Bösewichter, keine strahlenden Überhelden. Ein Hauptcharakter, der die Frauen liebt und sein Temperament oft nicht im Griff hat, ein (Red) Skinhead, der irgendwie rassistisch ist, aber dann doch wieder nicht und ein Professor, der von Quizsendungen träumt - hier wird reichlich geboten.
Überhaupt zeichnet sich "Piter" durch eine hervorragende Mischung von kleinen "Was wäre wenn?"-Details und einem ordentlichen Schuß Aktion aus. Einmal wird ein Streit entschärft, indem die Gruppen gegeneinander Fußball spielen (!), ein andermal sprechen die Waffen. Mit dem Fortschreiten der Reise wächst einem das kleine Grüppchen schon irgendwie an's Herz.
Apropos Aktion: Hier zeigt Piter etwas weniger als "Die Reise in's Licht", aber etwas mehr als die ursprüngliche Metroreihe: Eine Mischung, mit der ich sehr gut fahre. Geschickt variiert Wrotschek so das Tempo der Erzählung - und generiert Spannung.
Der Schreibstil ist sowieso recht angenehm: Wrotschek skizziert seine Metrowelt nicht als dystopisches Märchenland, indem übernatürliche Elemente aus jeder dunklen Ecke springen, sondern hält sich an die kalte - aber mindestens genau so schreckliche - Realität. Lediglich gelegentliche Träume und so manche etwas überdrehte Passage stören das "Das könnte wirklich so passieren"-Gefühl: Gut so! Hier hat Wrotschek für meinen Geschmack sogar dem Original etwas vorraus.
Freilich hat auch "Piter" wie fast jedes Buch einige Schwächen: Manchmal hat die Geschichte offene Enden, zerfasert ein wenig oder übertreibt es mit den "fantastischen"/unglaubwürdigen Momenten. Der Hauptkritikpunkt bildet für mich aber die ab und an verwirrende/unverständliche Formulierung der Ereignisse. Der Glossar am Ende sowie die obligatorische Karte am Anfang des Buches helfen - doch ab und an ertappt man sich dabei, das man schlicht und ergreifend nicht versteht, was da gerade geschrieben steht. Ob Wrotschek dort etwas vergessen hat, es später noch aufgreifen wollte oder die Übersetzung schlicht Fehler gemacht hat: Ein bißchen muss man sich schon an diesen Stil gewöhnen.
Aber die starken Seiten des Buches überwiegen deutlich: Eine packende, sorgfältig erzählte Geschichte, sympathische Charaktere, eine düstere, postapokalyptisch-beklemmende Atmosphäre, Action, Horror und sogar philosophische sowie humorvolle Töne. "Piter" ist eine sehr runde Sache und ein bisheriger Höhepunkt der Metro2033-Reihe in deutscher Sprache: Fans sollten unbedingt zugreifen, aber auch "Metro-Neulinge" können als Genrefreunde hier glücklich werden, wenn sie sich mit dem Setting arrangiert haben. 5/5 Sterne.
Mit Blick auf die vielen, vielen Bücher, die noch nicht übersetzt in den Startlöchern stehen, hoffe ich, dass auch Wrotschek noch einmal zur Feder greift. Abenteuer und Metroanalgen gibt es schließlich noch viele.
In diesem Sinne: Mein Lieblingsbonbon - Bato-ontschiki! ;)