Lange Zeit lief Cecil B. DeMilles Film "Reap the Wild Wind" aus dem Jahre 1942 bei mir unter dem obengenannten Titel, denn als Kind war ich sehr schlecht darin, mir die Namen von Filmen zu merken, wenn ich sie mir nicht selbst ausgedacht hatte, und die letzten zwanzig Minuten (oder so) dieses Filmes waren für mich damals am eindrucksvollsten. Doch auch heute noch weiß mich dieser farbenprächtige und temporeiche Abenteuerfilm des nicht gerade durch besonderen Tiefgang - auch wenn hier am Ende des Filmes getaucht wird - auffallenden Regisseurs zu begeistern, was vor allem an der spannenden Geschichte und dem überzeugenden Schauspiel Ray Millands liegt.
In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts nahmen Schiffe auf ihren Weg vom Mississippi in den Atlantik oftmals die Abkürzung über Key West, wo sie mitunter in Seenot gerieten und von den Einheimischen, die sich auf solche Rettungsaktionen spezialisiert hatten, gegen großzügige Beteiligung am Erlös der Fracht entladen wurden, bevor sie kenterten. Loxi Claiborne (Paulette Goddard) verdient ihr Geld ebenfalls mit solcher Arbeit, denn zusammen mit Kapitän Philpott (Lynne Overman) führt sie das Geschäft ihres Vaters fort - zur Mißbilligung ihrer Familie und ihrer schwarzen Dienerin Maum Maria (Louise Beavers). Ihr Rivale, der diabolische King Cutler (Raymond Massey), verläßt sich allerdings nicht allein auf die Gefahren der Klippen und den Zufall, sondern als Riffpirat lockt er gezielt Schiffe in den Untergang, um ihnen dann beizuspringen und an ihrer Fracht zu verdienen. Eines seiner Opfer ist Kapitän Jack Stuart (John Wayne), dessen Schiff durch den verräterischen Maat Bully Brown (Charles Bickford) auf Grund gebracht wird. Loxi pflegt den verletzten Stuart gesund und verliebt sich in ihn. Sie beschließt, bei seinem Arbeitgeber ein gutes Wort für ihn einzulegen, das er nach seiner vermeintlichen Pflichtverletzung bitter nötig hat, und trifft dort auf den Anwalt Stephen Tolliver (Ray Milland), der sich sofort in die Soutern Belle verliebt. Loxi scheint auf seine Avancen einzugehen, doch tut sie dies nur, weil sie glaubt, auf diese Weise der Karriere Stuarts förderlich sein zu können. Als Tolliver Loxis wahre Motive erkennt, beschließt er dennoch, um Loxis Liebe zu kämpfen, verhindert im letzten Moment die Hochzeit zwischen Loxi und Stuart und macht sich nach Key West auf, um den Riffpiraten das Handwerk zu legen.
Neben der Dreiecksgeschichte um Loxi und ihre beiden Verehrer zeigt uns DeMille auch die tragische Liebesgeschichte zwischen Loxis Cousine Drusilla (Susan Hayward) und Kings Bruder Dan (Robert Preston) sowie den von Intrigen und Mordanschlägen begleiteten Kampf King Cutlers gegen seinen dandyhaften Widersacher Tolliver, der sich, ganz überraschend, mehr und mehr zum Helden der Geschichte aufschwingt, so daß ich ganz perplex darüber bin, daß sich Duke Wayne bereit fand, die Rolle des Jack Stuart zu spielen.
"Reap the Wild Wind" ist ein Film, der seinem Namen alle Ehre macht und auch heute noch neben modernen Abenteuerfilmen bestehen kann. Bei all den Schiffsuntergängen, wüsten Prügeleien und Husarenstücken aller Art, einer Tauchoperation, dem Angriff eines für heutige Verhältnisse etwas behäbig wirkenden Riesenkraken aus Gummi, einer spannenden Gerichtsverhandlung, den Eifersüchteleien zwischen Loxi und ihrer Rivalin Ivy Deveraux, einer komischen Gesangseinlage Paulette Goddards und der Wandlung Stuarts von einem ehrlichen, ambitionierten Kapitän zu einem Spießgesellen Cutlers bleibt für den Zuschauer wenig zu wünschen übrig, zumal es bis ans Ende offen bleibt, welcher der beiden Galane - Tolliver oder Stuart - schließlich die Hand Loxis gewinnen wird.
Neben seinem immensen Unterhaltungswert ist "Reap the Wild Wind" zudem auch ein leicht propagandistischer Film, wird Tollivers Kampf gegen die hinterlistigen Piraten doch auch als der Kampf der Vereinigten Staaten um die Hoheit über ihre Gewässer, als Ringen für die Freiheit des Handels dargestellt - und dies 1942, also ein Jahr, nachdem die USA um ihre von den Japanern bedrohte Herrschaft über den Pazifik in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren. Doch hat DeMille diese politische Botschaft so subtil und unaufdringlich in seinem Film untergebracht, daß der Film heute als reiner Abenteuerfilm empfunden und genossen werden kann.
Ich für meinen Teil freue mich schon auf den Tag, an dem mein eigener Nachwuchs von dem "Film mit dem Kraken" zu schwärmen beginnt.