Gepetto hat einen Roboter entwickelt: Pinocchio. Was liegt näher, als den schweigsamen Blechkumpan dem Militär als Killermaschine anzupreisen? Derweil wird die Gattin des skrupellose Erfinders beim Versuch, Pinocchios überdimensionierte Nase als Dildo zu benutzen, geröstet. Denn seit Jiminy Grille, ein Loser, wie er im Buche steht, sich im Hirn des Maschinenjungen eingenistet und dort den einen oder anderen Anschluss gekappt hat, tickt das augenfällig über keine Moral verfügende Kerlchen nicht mehr ganz richtig. Sich fatalistisch seinem Schicksal ergebend, schlittert Pinocchio von einem verrücktem Abenteuer ins nächste - vom gnadenlosen Drill am Fliessband in Strombolis Spielzeugfabrik bis zum Horrortrip auf der faschistoiden Zauberinsel.
Kaum je wurde ein Märchen konsequenter dekonstruiert als in «Pinocchio» vom französischen Künstler Winshluss (alias Vincent Paronnaud). Sex, Drogen, Gewalt, Blasphemie: Kein Element des Stoffs, der im rührseligen Disney-Gewand um die Welt ging, bleibt in dieser unheiligen Radikalfassung unangetastet - Schneewittchen-Massenvergewaltigung, Zerstückelungen und Verbrennungen bei lebendigem Leib inklusive. All diejenigen, denen dieser brutal entmystifizierende Ansatz zu krass ist oder die die Notwendigkeit desselben zumindest kritisch hinterfragen, dürften doch nicht umhin kommen, dem meistens ohne Worte auskommenden, 190-seitigen Werk in formalen Belangen Genialität zu bescheinigen: Die verschachtelte Erzähltechnik, die je nach Plotstrang und Technik in punkto Stil und verwendetem Zeichenstil enorm varierende Gestaltung, die ganzseitigen Einschübe - all das hat man, gepaart mit dem anarchistischen Witz, dergestalt noch nie im Medium gesehen. Wegweisend. (Comic-Check)