Dieser Roman von Frank Goosen ist eine durchaus runde Sache: Hauptperson Felix, dessen Name alles andere als Programm ist, lässt sich ziel- und planlos durchs Leben treiben. Ursache dafür sind, zumindest vordergründig, die vaterlose Kindheit und der von der Mutter vorgeschützte Tod des Vaters. Jahre später glaubt Felix, seinen Vater zufällig auf der Straße zu erkennen hier setzt der Roman ein. Dass diese Begegnung nicht die gewünschten Früchte trägt, ist unschwer zu erraten. Vielleicht haben Felix Deplatziertheit in der Welt, seine träge Melancholie, seine stumme Trauer auch ganz andere Gründe und der fehlende Vater bietet dafür nur ein willkommenes Erklärungsmuster. In diesem Sinne könnte man Felix als Repräsentanten der heutigen Überdrussgeneration sehen, die, zwischen LebensabschnittpartnerIn und Teilzeitjob keine Ahnung hat, wohin der Weg gehen soll, weil nichts greifbar, alles prekär und vage ist. Felix jedenfalls scheint es egal zu sein, wohin sein Weg führt. In jüngeren Jahren in Berlin begegnete ihm eine Frau, die alles nur noch schlimmer machte, von der er aber nie so richtig loskommen konnte. Generell passieren ihm die Dinge zumeist ohne Zutun wobei er sich als Eigentümer eines Restaurants im Gegensatz zur Generation Praktikum zumindest in einer gesicherten finanziellen Situation befindet. Sein Leben wird bevölkert von eigenartigen Personen Mutter, Nachbar, Ex-Freundin, Tennispartner die zwar alle knapp an der Glaubwürdigkeitsgrenze schrammen, das Gesamtbild aber in sich schlüssig bleibt. Felix scheint sich selbst nicht zu verstehen ist er nun hetero, schwul, bi? Jedenfalls hat er mal mit Männern, mal mit Frauen zusammengelebt und sein sexuelles Erwachen mit Männern erlebt. Je nachdem, was gerade opportun erscheint, ist er wahlweise hetero oder schwul. Sowohl Männer als auch Frauen scheinen ihn in ihren Verhaltensweisen vor große Rätsel zu stellen. Besonders gut gelungen sind Goosen jene Passagen, in denen Felix der weiblichen Koketterie und Schulmeisterei völlig hilf- und sprachlos gegenübersteht: Darauf sagte ich erstmal nichts, und ich hatte den Eindruck, sie erwartete, dass ich etwas sagte, ich wusste nur nicht, was. Ich dachte nach. Es gab mehrere Möglichkeiten. Ich kam nicht drauf, welche die richtige war.
Was antwortet man einer Frau, die sagt: Offen gesagt, verspüre ich eine gewisse Neigung, den Abend mit dir zu verbringen?
Ganz klar, man ignoriert die dämliche Formulierung, hält die Klappe und kommt mit. Auch wenn der Abend letztlich ganz anders verläuft als geplant.
Evelyn, die toughe Fotografin und Felix, der Zauderer, tasten sich aneinander heran. Das vorläufige Ende des Ganzen, in zugegebenerweise nicht untypischer weiblicher Abgehobenheit und Selbstverliebtheit: Zieh mal ein paar Dinge klar in deinem Leben, und dann ruf mich an. Du wirst nicht jünger, also kannst du genauso gut endlich erwachsen werden. Du kannst sagen, das geht mich alles nichts an, aber so ist das.
Irgendwann legten wir auf, heißt es da, völlig schlüssig, ein paar Zeilen weiter unten.
Ein wenig altklug sind im Gegensatz dazu die Dialoge aus Felix Kindheit geraten, in denen der junge Icherzähler seiner Mutter emotional und gelegentlich auch intellektuell überlegen dargestellt wird.
Das sprachliche Highlight des Buches ist für mich die Beschreibung eines Abendessens bei Evelyns Schwester und deren Familie, wo sich hinter der Familienidylle mit großem Haus, teurem Geschirr und edlen Möbeln wahre Abgründe auftun, die Goosen geschickt nur andeutet und nie ausspricht. Schaurig schön zu lesen. Länger darüber nachdenken lieber nicht!
Gelegentlich ergeht sich Goosen in zu detaillierten Beschreibungen von Orten und Räumen, während sich seine bekleidungstechnischen Beschreibungen oft darauf beschränken, zu erwähnen, dass er oder sie einen Jeansanzug trägt. Keine Ahnung, was das genau ist aber in Pink Moon scheint es das angesagteste Kleidungsstück zu sein.
Insgesamt ein formal ambitioniertes und gleichzeitig sehr flüssig zu lesendes Buch, das mich durch die Mischung aus feinem Witz, Melancholie, Weltschmerz und scharfen Beobachtungen auf der ganzen Linie überzeugt hat.