Aus der Amazon.de-Redaktion
Pink Moon zeigt einen neuen Goosen. Einen gereiften Goosen. Einen Goosen, der das melancholisch-traurige Metier für sich entdeckt hat. Und einen Goosen, der wieder einmal bewiesen hat, das er es versteht, mit jedem Buch noch ein bisschen besser zu werden. Freunde von Liegen lernen, Pokorny lacht oder Mein Ich und sein Leben werden sich also ein wenig umstellen müssen, wenn auch nicht allzu stark. Es wird sich auf jeden Fall lohnen. Denn die Stimme Frank Goosens in Pink Moon hat wieder einen unverwechselbaren, neuen, faszinierenden Ton. --Stefan Kellerer
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Klappentext
Rolling Stone
»»Liegen lernen« ist ein wirklich unterhaltsames Buch, »Pink Moon« ist um Klassen besser.«
Prinz
»Ein bewegendes Buch, das begeistert.«
Cosmopolitan
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
.
Über den Autor
Auszug aus Pink Moon von Frank Goosen. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich sah meinen Vater erstmals neunzehn Jahre nach seinem Tod. Ich erkannte ihn
gleich wieder, auch wenn er mehr als dreißig Jahre älter war als auf dem
einzigen Foto, das meine Mutter von ihm aufbewahrt hatte: ein gutaussehender,
glattrasierter Mittzwanziger mit Fassonschnitt in einer Prager Seitenstraße,
während hinter ihm der Frühling durch die Straßen floh.
Auch jetzt noch sah er gut aus mit seinem kurzen, grauen Haar, der hellen Hose,
dem dunklen Jackett und dem gestreiften Hemd, an dem die obersten drei Knöpfe
offen standen. Seine Brust war glatt und unbehaart, die Haut hatte den
attraktiven Teint natürlicher Bräune, und seine Augen waren von jenem klaren
Blau, das meine Mutter um den Verstand gebracht hatte. Sie hat mir nicht viel
über ihn erzählt, aber wenn sie es doch tat, endete sie so: "Seine blauen Augen
haben mich um den Verstand gebracht. Er war ein Held und toller Tänzer!" Keiner
von den Vätern, die sie zwischendurch an mir ausprobierte, erfüllte diese
Kriterien.
Mein Vater stand an einer Straßenecke und stritt sich mit einer Frau. Ich
drückte mich in einen Hauseingang und sah zu den beiden hinüber. Die Frau
rauchte und kaute an den Fingernägeln. Mein Vater redete auf sie ein und machte
beruhigende Handbewegungen: so, als wolle er etwas zu Boden drücken. Die Frau
schüttelte den Kopf.
Bestimmt eine Viertelstunde betrachtete ich die beiden und fragte mich, wie
lange sie da schon standen. Als die Frau sich mit dem Handballen durch die Augen
fuhr, wusste ich, dass sie weinte. Mein Vater berührte sie an der Schulter, aber
sie schüttelte ihn ab. Er machte einen Schritt zur Seite und wollte an ihr
vorbeigehen, sie stellte sich ihm in den Weg. Das ging ein paar Mal hin und her.
Dann sagte mein Vater etwas und ließ sie stehen.
Er kam auf mich zu. Ohne nachzudenken, drückte ich auf die zweite Klingel von
oben. Der Summer ertönte, und ich trat in den Hausflur. Durch die Rauglasscheibe
sah ich einen Schatten vorbeigehen. Ich zählte bis zehn und folgte ihm.
Mein Vater ging Richtung Innenstadt. Ich wechselte ein paar Mal die
Straßenseite, ließ mich zurückfallen und holte wieder auf, wenn er um eine Ecke
bog. In der Fußgängerzone war es etwas schwieriger, ihm zu folgen.
Samstagmittag, die Stadt war voll. Ich zog meine Jacke aus und hielt sie in der
Hand. Es war Anfang September, noch immer mehr als zwanzig Grad und blauer
Himmel. Bevor in ein oder zwei Wochen unwiderruflich der Herbst kam, wollten die
Leute noch ein paar Mal ihre kurzen Röcke, die knappen T-Shirts und die offenen
Schuhe und Sandalen ausführen. Sie saßen vor den Eisdielen und den Szene-Cafés,
löffelten bunte Becher und betrachteten glücklich kühle Getränke in beschlagenen
Gläsern, an denen Wassertropfen herabperlten. Kinder pusteten durch ihre
Strohhalme Luft in Apfelschorlen, und ihre Eltern hatten die Welt im Griff, weil
sie Sonnenbrillen trugen und niemand ihnen in die Augen sehen konnte.
Mein Vater blieb vor einem chinesischen Restaurant stehen und warf einen Blick
auf die Speisekarte, die in einem roten, von einem kleinen Pagodendach gekrönten
Schaukasten hing. Er sah durch eines der Fenster und ging weiter.
Als wir zum Bahnhof kamen, fürchtete ich, er würde einen Zug nehmen, aber er
ging durch die Halle hindurch, nahm den Südausgang und wandte sich nach rechts.
An der Ausfallstraße, die zur Universität hinausführte, lag das Kelo, eine auf
drei versetzten Ebenen angeordnete Mischung aus Café, Restaurant und Bar mit
Backsteinwänden und Tischen aus Tropenholz, benannt nach einer Nummer von Miles
Davis. Ich mochte keinen Jazz. Mein Vater ging hinein, und ich wartete ein paar
Minuten, bevor ich ihm folgte.
Caroline saß auf der Empore, zu der links vom Tresen eine kleine Treppe
hinaufführte. Mein Vater hatte auf der rechten Seite am Fenster Platz genommen.
Ich nickte Caroline zu und setzte mich auf einen Barhocker. Im Spiegel hinter
dem Tresen konnte ich trotz der davor aufgereihten Spirituosen meinen Vater
beobachten. Ein junger Mann ganz in Schwarz, mit knöchellanger weißer Schürze
und dunklen Haaren voller Gel, sah mich fragend an, und ich bestellte einen
Kaffee. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Caroline von der Empore kam und
sich neben mich setzte. Ihr Haar und ihre cremefarbene Bluse rochen nach kaltem
Rauch, ihre Augen waren gerötet und ihr Gesicht ein wenig aufgeschwemmt. Es
schien eine lange Nacht gewesen zu sein. Als ich sie darauf ansprach, schüttelte
sie den Kopf. Ich fragte sie, ob das eine neue Bluse sei,was sie noch mehr
verärgerte.
"Das ist keine nette Frage", sagte sie. Ihrer Stimme war die letzte Nacht noch
anzuhören. "Es ist die gleiche Bluse wie gestern. Ich hatte noch keine
Gelegenheit, die Sachen zu wechseln. Sie ist zerknittert und riecht nach mir
anstatt wie üblich nach teurem Parfüm und Reinigung. Deine Bemerkung war also
nicht besonders charmant."
Ungefähr so war seinerzeit der Irrtum unserer Annäherung verlaufen. Äußere
Reize, gemeinsame berufliche Interessen und funktionierender Small Talk hatten
eine Dynamik in Gang gesetzt, die ein gemeinsames Essen und einen Kuss vor ihrer
Haustür nach sich gezogen hatte. Doch schon beim zweiten Treffen waren viele
Scherze ins Leere gegangen, und wir hatten beide nur gelacht, um nicht unhöflich
zu sein.