"Pink Flag", 1977 erschienen, war das Debütalbum von Wire, die in den folgenden Jahren mit ihrer Verbindung von Rock / Punk und Electro neue Wege beschritten haben.
Auf diesem Album halten sie sich mit Elektronik und Experimentierfreude noch etwas zurück. Etwa die Hälfte der Songs ist straighter 1970s-Punk, vielleicht technisch etwas ausgefeilter -- etwa "It's so Obvious" oder "106 Beats That", kaum länger als eine Minute. Schön und gut, aber nichts Außergewöhnliches. Erst die anderen Stücke machen die Platte zu einem absoluten Klassiker. Stücke wie der Opener "Reuters", "Lowdown", "Strange" oder "Champs" haben einen ganz eigenen Klang, eine ganz eigene Stimmung, und sind nur noch schwerlich als Punk zu bezeichnen. Zwar sind die Strukturen auch hier einfach und eingängig, aber die Songs sind langsamer und getragener; die Gitarren schrebbeln auch hier, sind aber sind tiefer und wuchtiger; die Stimmung ist zwar auch zuweilen aggressiv, geht jedoch meist in Richtung Melancholie. In vielerlei Hinsicht sind diese Songs Vorläufer des 1980er-New Wave und Indie-Sounds.
Man könnte die Platte als "Progressive Punk" kategorisieren, wenn man möchte. Wire gehörten mit Pere Ubu und einigen anderen zu den ersten, die die Grenzen des Punk ausloteten. Und sie machen dies auf diesem Album auf eine ganz eigene, sehr souveräne Art und Weise. Zuweilen erinnern sie, etwa in dem eigenartig poppigen, lakonisch vorgetragenen "Three Girl Rhumba", an Television oder The Clash der späten 1970er.
Viele der Songs haben mir schon beim ersten Hören gefallen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mir auch in vielen Jahren noch gefallen werden: Das melancholische, intensiv eintönige "Lowdown"; der wuchtig-krachige Titelsong; das dröhnende, sehr gitarrenlastige, entspannt vorgetragene "Strange"; das nicht minder laute, aber wesentlich schnellere "12 x U", oder aber "Champs", das einfach nur gute Stimmung verbreitet.
Eine solche Masse an guten Songs haben wirklich nur wenige Platten zu bieten. Ich kenne nur wenige CDs, die ich einfach einwerfen und durchhören kann, ohne in Versuchung zu geraten, das eine oder andere Stück wegzudrücken. Diese Platte gehört für mich in den Plattenschrank eines jeden Musikliebhaber. Vorausgesetzt natürlich, er kann mit Punk Rock/New Wave/Indie etwas anfangen! Ich vergebe darum besten Gewissens satte fünf Sterne. Und würde wohl auch noch ein Sternchen dazugeben, wenn ich nur könnte.