Von Kinofilmen kennt man es, dass meistens ein zweiter Teil produziert wird, der noch spektakulärer, dramatischer, brutaler, aufwändiger usw. als der erste Teil sein soll. Oftmals wird bei der Umsetzung dieser Vorgaben maßlos übertrieben und ein Film produziert, der die Qualität seines Vorgängers bei weitem nicht erreicht - sprich: das Ergebnis solcher Vorhaben ist meist nur ein billiger Abklatsch.
Sieht man sich die Fortsetzung von Andrej Kurkows "Picknick auf dem Eis" oberflächlich an, so könnte man gleiches befürchten. Das Buch ist fast doppelt so dick, als sein Vorgänger und Viktor hält sich nicht mehr nur in Kiew und Umgebung auf, sondern umreist die halbe Welt - unter anderem geht es ins umkämpfte Tschetschenien. Sexszenen werden ebenso umschrieben, wie Situationen, in denen Viktor brutal zusammen geschlagen wird. Das lässt befürchten, dass auch dieses Buch nur ein billiger "spektakulärerer" Abklatsch seines grandiosen Vorgängers sein könnte.
Das ist es aber nicht. Dafür sorgt schon alleine mal wieder Andrej Kurkows einzigartiger und zugleich auch unspektatulärer Schreibstil aus "Picknick auf dem Eis", dem er in diesem Fortsetzungsroman absolut treu bleibt.
Der Kiewer Autor scheut sich nicht vor Emotionen, stellt Gefühlsduselei im nächsten Moment der kühlen Realität gegenüber, und Viktor wird mal wieder zwischen allem hin und hergerissen - zusammen mit dem Leser -, mit viel Trubel und jeder Menge neuer Leute sowie alter Bekannter um sich herum, aber trotzdem einsam. Das Buch, so abenteuerlich auch sein Verlauf ist, hebt inhaltlich, wenn überhaupt, nur selten ein klein wenig ab.
Der großartige Nebendarsteller Mischa tritt erst spät in Erscheinung. Man vermisst ihn aber nicht ganz so sehr, weil sich eine ebenso wunderbare Nebendarstellerin dazu gesellt: die kleine Sonja, die letztendlich zur Hauptdarstellerin neben Viktor avanciert.
Nebenbei gibt es neben jeder Menge Wodka, Cognac, Kaffee und Tee noch ein bisschen Romantik bei Grießbrei mit Marmelade und Butter. Nicht zu vergessen ist auch der Winnie-Puh-Emailbecher, der Viktor ans Herz wächst.
Mal zieht sich die Handlung des Buches eine ganze Weile hin, mal geht es dann plötzlich wiederr Schlag-auf-Schlag geht, das alles natürlich versehen mit dem kühlen, trockenen, teilweise auch sehr makaberen Humor, wie wir ihn schon aus "Picknick auf dem Eis" kennen. Egal, ob es sich gerade hinzieht oder Schlag-auf-Schlag geht: langweilig wird es dem Leser dabei nie. Und letztendlich wird er jedes Mal, wenn er zu dem Buch greift, mehr von den kleinen, praktischen Kapiteln lesen, als er es sich zuvor vorgenommen hatte.
Dieses Buch wird die allermeisten seiner Leser fesseln, sollte aber ausschließlich nach "Picknick auf dem Eis" gelesen werden, da es sich sehr stark darauf rückbezieht.
An jenen Vorgänger kommt es meiner Meinung nach nur fast heran, weswegen ich hier am liebsten nur 4 1/2 Sterne vergeben würde. Zweifelsohne wird es wohl ein jeder lieben, der auch schon "Picknick auf dem Eis" geliebt hat.