Wer Pilze nur als Champignons kennt, wird gleich mit dem Titelbild auf seine grosse Bildungslücke hingewiesen. Aber selbst bestandene Mykologen, so heissen die Pilzfachleute in der Wissenschaftssprache, können von Christian Rätsch noch einiges lernen. Denn der 1957 geborene Ethnologe, Etnopharmakologe und Etnobotaniker, dessen Aussehen mich an meine Hippiezeit erinnert, erforscht seit über zwanzig Jahren auch schamanische Kulturen und den psychoaktiven Gebrauch von Pilzen.
Der promovierte Wissenschaftler liefert zwar keine detaillierten Rezepte für den psychodelischen Heimgebrauch von Sporengewächsen, durchforstet das Wunderreiche der Pilze und Schwämme aber bis in die hintersten Winkel. Dort finden wir Pilze zum Feuermachen, Räuchern, Rauchen, Schnupfen, Heilen, Trinken, Lieben, Färben, Töten und natürlich auch zum genussvollen Essen. Und weil diesen wundersamen Gaben der Naturereignissen die Menschen schon früh faszinierten, ist das Buch von Christian Rätsch auch eine Kultur- und Religionsgeschichte. Texte und Bilder im Kapitel "Pilze zum Hexen" machen allerdings klar, dass die Ansichten zum Gebrauch von Pilzen auch zu Stellvertreterkriegen führten.
Die Leidenschaft, mit der sich der Autor seinem Forschungsgebiet widmet, führt auch dazu, dass er über ein riesiges Archiv an Bildern und Illustrationen verfügt. Und von denen sind einige so schön und aussergewöhnlich, dass sie eine Doppelseite in Anspruch nehmen dürfen. Meist farbige Fotografien gibt es auch zu folgenden Themen: Pilze in der Mythologie, Kunst, Religion und im Märchen. Zudem erzählt der Autor seinen Lesern merkwürdige Pilzgeschichten und literarische Beispiele. Das Spektrum ist also so gross, dass bestimmt jeder Pilzliebhaber auf seine Rechnung kommt.
Der Qualität des Inhalts wird zum Glück auch seiner Darbietung gerecht. Die Bilder sind in einer hervorragenden Druckqualität und werden durch gestalterisch herausgehobene Zitate, Exkurse, Quellenhinweise und nützliche Erklärungen ergänzt. Und zum Schluss gibt es noch eine ausführliche Bibliographie, Bildnachweise und ein Register.
Mein Fazit: Ein ganz besonderes Buch für Pilzfreunde, weil sein auf diesem Gebiet renommierte Autor auch Aspekte beleuchtet, die vielen unbekannt sind oder nicht in dieser Ausführlichkeit behandelt wurden. Wer allerdings bewährte oder neue Rezepte für Eigenversuche mit psychoaktiven Pilzen sucht, muss im Internet nachforschen. Christan Rätsch will vor allem zeigen, in welchen Wunderwelten die Pilze zu Hause sind und was sie zur menschlichen Kulturgeschichte beitrugen.