Bei posthum veröffentlichten Alben stellt sich erst mal eine gehörige Portion Skepsis ein: Soll hier etwa mit Druck auf die Tränendrüse noch mal Reibach gemacht werden? Doch in diesem Fall bläst die Musik jede Skepsis sofort weg: "Don't try this at home" nannte Michael Brecker eine seiner früheren Soloeinspielungen, dazu auf dem Cover sein Saxophon gefährlich auf dem Finger balanzierend - und man kann sich gut vorstellen, wie er mit der gleichen Geste nun hoch droben über den Wolken sitzt und sich vermutlich königlich amüsiert über diejenigen armen Erdenbürger, die nun versuchen, in seine Fußstapfen zu treten: Die werden sich in der Tat anstrengen müssen, denn Michael Brecker ist hier eine der besten Jazz-CDs der letzten Jahre gelungen, was auch an seinen glänzend aufgelegten Spielgefährten liegt: Brad Mehldau fällt nicht weiter unangenehm auf, aber Pat Metheny scheint all denen, die seine Duo- und Quartettveröffentlichungen mit eben diesem Herrn für redundantes Genudel halten, zeigen zu wollen, dass er doch immer noch weit mehr drauf hat als die meisten anderen Gitarren-Eleven. Auch John Patitucci hat großartige Momente - die größten hat aber vielleicht Herbie Hancock, der auftrumpft wie ein 20-jähriger Heißsporn, der sich bei Miles Davies um eine Bitches-Brew-verdächtige Jahrhunderteinspielung bewerben möchte: mit Erfolg. Brecker selbst aber lässt mit jedem Ton vergessen, dass er bei der Einspielung bereits totkrank war. Und wer so beseelt spielt, dem glaubt man gerne, dass er zu einem Seelenflug in der Lage ist, der ihn auf jene Wolke befördert, von der aus er uns lächelnd zusieht und sagt: "Don't try this ..." - okay, wir wissen es. Und versuchen es trotzdem. (Bangemachen gilt nicht. Aber den Hut sollte man schon ziehen, vor einer solchen Leistung!)