"Am 19. März wirft ihn ein Faustschlag zu Boden. Die Polizei nimmt ihn fest, er wird als Geisteskranker eingewiesen. Das geht auf eine Petition von Einwohnern aus Arles zurück."
Ikarus stürzt. Auf seiner Pilgerreise zur Sonne. "Die Sonne ist es, die er malen möchte, und nicht die Strahlen (Emile Bernard)."
Zurecht: die Strahlen verschwinden ja auch feige, sobald ein Schatten auftaucht. Die Sonne bleibt.
Um van Gogh kreisen Mythen, wie um kaum einen Menschen der Moderne. Mythen sind Geschichten in Tüten. Die Tüten werden weitergereicht. Die Leute gucken rein in die Tüten und sagen "aha" und "oho" und "schau mal rein".
Gunnar Decker ist ein Biograph. Genau wie seine Frau Kerstin. Vielleicht beflügeln sie sich gegenseitig. Beide sind sie 1aBiographen (1a = einen eigenen Ansatz entwerfen, diesen Ansatz verfolgen und überzeugend darstellen).
Biographen sind immer subjektiv. Genauso wie die Menschen, die sie beschreiben. Es geht um Nähe. Gelingt es dem Autor, hier in diesem Buch: Nähe zu van Gogh spürbar zu machen?
Jenseits aller Mythen in Tüten? Auf einer Ebene, auf der ich das Gefühl hab, den Menschen zu verstehen, der van Gogh war? Das ist sehr schwer, und ob es gelungen ist, natürlich ganz unklar.
Aber vom Gefühl her, ein großes "Ja".
Zu Beginn streckt dies Buch zuerst dem Leser den schlauerten Kopf entgegen. Sofort verdauen und weiterlesen. Irgendwann rutscht es ins Herz und ins Auge hinein, irgendwo dazwischen, genau dorthin, wo die Pilgerreise zur Sonne die menschliche Seele hin verführt.