melvilles "pierre" ist atemberaubend, herzzerreißend, schön, merkwürdig, spannend und langatmig zugleich.
vor allem im letzten drittel des buches wundert man sich oft über die seitenlangen ausschweifungen über philosophisches, die so voll sind von andeutungen, dass man sie, ohne den anhang zu rate zu ziehen, kaum verstehen kann. aber dann kommt das nächste kapitel und erzählt wieder pierres geschichte weiter. die geschichte eines mannes, der seine verlobte abgöttisch liebt - und trotzdem starke und ihn beherrschende gefühle zu einer anderen hegt, die sich auch noch als seine (uneheliche) schwester zu erkennen gibt. beide frauen sind gleichsam positiv und negativ eines photos und pierre verliert sich ein stückweit zwischen ihnen. da seine schwester eine unglaublich traurige und verstörende kindheit hatte und in bedrückender armut lebt, beschließt pierre, sie anstelle seines toten vaters zu umhegen. um aber seiner mutter nicht das bild des treusorgenden ehemanns kaputt zu machen, gibt er vor, das mädchen, von dem niemand weiß, dass es seine schwester ist, geheiratet zu haben. damit fällt er in ungnade, wird enterbt und von der familie geächtet. seine mutter stirbt im gram, seine verlobte beinahe. um sein leben mit seiner schwester leben zu können, geht pierre schließlich nach new york in ein schäbiges arme-leute-haus und beginnt, ein buch zu schreiben. ein wichtiges buch. ein buch, das er nicht zu ende bringen wird, das aber dafür ihn zum ende bringen wird.
und während pierre immer weniger wird und an seinem schaffen, der situation und seinem leben langsam zu grunde geht, bekommt er plötzlich einen brief von seiner verlobten, die ihn zurück haben will. und doch kommt alles ganz anders, als man denken würde...
sicher, melville ist bisweilen verschwiemelt und ausufernd; aber es ist eben melville! man braucht einen langen atem, um den zu lesen. aber man wird auch fürstlich belohnt mit oftmals brillanten gedanken, geradezu erschütternd großartigen beschreibungen von natur und geschehnissen und nicht zuletzt mit bemerkenswerten erkenntnissen: ich etwa ertappt mich zum schluss hin oft dabei, dass ich pierre, den leidenden schriftsteller, schütteln und anschreien wollte, sich doch nicht so hängen zu lassen; nicht so einen stuss zu machen - und endlich zu LEBEN. dann aber wird einem klar, dass der mensch nicht so ist, wie man denkt, dass er sein müsste; nicht so ist, wie es einen die schlichteren büchlein dieser welt glauben machen wollen: er handelt selten nachvollziehbar, er ist und bleibt geheimnisvoll - und er ist nie alleiniger urheber all seiner entscheidungen (was den menschen mit genügend selbsteinsicht nicht verborgen bleiben wird (wie schon melville wusste)).
ein schwieriges, aber auch tolles buch!