Liebe findet immer statt - auch in den Zeiten des Krieges. Ja vielleicht ist sie sogar der Kontrapunkt zum Krieg. So jedenfalls könnte die Geschichte von Pierre und Luce des großen Pazifisten, Schriftstellers und Musikwissenschaftlers, der für sein literarisches und publizistisches Engagement den Literaturnobelpreis erhalten hat, des Romain Rolland (1866-1944) gelesen werden.
Eine Amour in Zeiten des Ersten Weltkriegs. Frankreich, Paris, die Welt ist erschüttert. Pierre, aus guter Familie, Richtersohn, erhält im letzten Kriegsjahr, als gerade Achtzehnjähriger, noch seine Einberufung als Soldat. Ihn ergreift jedoch eine andere Erschütterung: In sein trostloses, entsetzliches Leben tritt plötzlich mit der Urgewalt der Liebe Luce ein. Sie, eine gläubige Christin, die in ärmlichen Verhältnisse lebt, lernt nicht nur die Liebe, sondern auch die andere Seite einer bisher unbekannten bürgerlichen Welt kennen. Während er gutsituiert auch durch die Nöte des Krieges kommt, muss sie sich ihren Unterhalt durch Kopieren alter Meister verdienen. Und während sein Vater als angesehener Richter amtiert, verdingt sich ihre verwitwete Mutter in einer Fabrik für Kriegsmunition.
So also die soziale und gesellschaftliche Gemengelage - Konflikte vorprogarmmiert. Aber erst einmal diese Liebe, die die beiden jungen Menschen für Momente aus dieser unheilvollen Welt fallen lässt. Viel Zeit bleibt ihnen ohnehin nicht. Romain Rolland lässt diesen kleinen Roman am 30. Januar 1918 beginnen. In Paris sterben nach einem furchtbaren Bombardement 45 Menschen, 200 werden schwer verletzt. Liebe nimmt darauf wenig Rücksicht, sie ist egoistisch und eigennützig.
Für Pierre ist seine Familie mitschuldig am Kriege und dem daraus resultierenden Elend, Luce dagegen interessiert nicht das Frontgeschehen, sondern die Folgen des Krieges für die Armen, die Frauen. "Amor vincit omnia" - zumindest für die kurze Zeit dieser jungen Liebe. "Der Krieg? Er ist da? Soll er warten!" - Diese "zarteste Liebesgeschichte der Weltliteratur" ( so der Verlag - Einspruch ist gewiss erlaubt) wird rührend und anrührend von Romain Rolland erzählt, der sich auch nicht scheut, bis an den Rand des Sentimentalischen zu gehen. Er zeigt uns dieses junge Paar, das sich ewige Treue schwört und sehnsüchtig auf den Tag der endgültigen Vereinigung wartet, fast mit Emphase. Ausersehen ist dafür - sehr symbolisch - der Tag der Auferstehung: Ostern. An diesem Tag, am 29. März 1918, trifft eine deutsche Bombe die Kathedrale, die sie für ihren großen Tag ausgesucht haben.
Irgendwie liest sich dies alles etwas altmodisch - aber schön. Schön nicht nur wegen der emmpfindsamen Schilderung dieser Liebe durch den Autor; schön auch, weil dem Leser noch einmal vor Augen geführt wird, was Krieg ist und was Liebe in den Zeiten des Krieges bedeutet. Aber auch als ein bedeutendes Zeugnis europäischer Literaturgeschichte ist die Wiederveröffentlichung - jetzt in der hevorragenden Übersetzung von Hartmut Köhler - nur zu begrüßen.