Als begeisterter Leser der Klemperer-Tagebücher habe ich mich natürlich auch um diese mehrteilige Verfilmung gekümmert. Ich bin entsetzt über die Ahnungs- und Skrupellosigkeit der Autoren dieses Machwerks, das mit Victor Klemperer eigentlich nichts gemein hat, außer der Verwendung seines werbewirksamen Namens zu künstlerisch und historisch höchst fragwürdigen, dafür aber verkaufsfördernden Zwecken.
Ich möchte hier den Herausgeber der Klemperer-Tagebücher, Walter Nowojski (Jahrgang 1931), und seinen Eindruck zu der vorliegenden TV-Serie ausführlich zitieren, denn er sagt das Wesentliche in klaren Worten. Das folgende Interview wurde für das "Berliner LeseZeichen", Ausgabe 03/2000, von Hans-Jürgen Mende geführt. Ergänzungen meinerseits stehen in eckigen Klammern.
Hans-Jürgen Mende: "Sind Sie als Berater [für die TV-Produktion] hinzugezogen worden?"
Walter Nowojski: "Nein. Das Selbstbewußtsein derjenigen, die diesen Film gemacht haben, war groß genug, um andere nicht zu brauchen. Ich bin informiert worden, als der Film abgedreht war.
Aber ich habe den Film gesehen. Na ja, ich bin erschrocken. Ich weiß natürlich, daß die Umsetzung einer Tagebuch-Vorlage nicht eine Kopie der Tagebücher sein kann ... [Aber es] ist ... notwendig, eine Vorlage für einen Film danach abzuklopfen: Was ist im Stoff, was braucht der Stoff? Mir scheint, man hat überhaupt nicht begriffen, worin die Einmaligkeit dieses Stoffes besteht.
Der Szenarist hat verlautbart, er habe viel von seiner Mutter in die Figur der nichtjüdischen Ehefrau Klemperers einbringen müssen, da Eva Klemperer im Tagebuch keine Persönlichkeit entwickle. Abgesehen davon, daß das Unsinn ist, hätte der Szenarist nur Curriculum vitae, die von Victor Klemperer im Judenhaus aus den Tagebüchern der Jugendzeit herauskristallisierte Autobiographie seiner Jugend, zu lesen brauchen, dann hätte er mitbekommen, wie ausführlich, genau und intensiv Victor Klemperer über Eva Klemperer geschrieben hat. Da gibt es ganze Kapitel.
Es kommen andere Dinge hinzu, die mich einfach erbosen. 1985 hatte man in Altenburg Henry Schmidt, den "Eichmann von Dresden", den Gestapo-Mann, gefaßt, der für die Durchführung der "Endlösung" verantwortlich war. ... 1987 wurde ihm in Dresden öffentlich der Prozeß gemacht. ... Ich weiß also genau, wie die Dresdner Peiniger hießen: Schmidt, Müller, Köhler, Weser, Clemens. Alles "deutsche" Namen. Und im Film heißt der Täter plötzlich Malachowski! Ungeheuerlich! Ich unterstelle nicht, daß der Szenarist das bewußt getan hat, ich unterstelle Schlimmeres: Daß es im Unterbewußtsein lebt. So etwas macht ein Deutscher nicht! Das muß ein Malachowski sein. Das ist nun nicht mehr nur bedauerlich. Und wenn ich dann eben lese, daß es hochkarätige historische Berater gab, Professor Dr. Eberhard Jäckel zum Beispiel, dann frage ich mich, wo die hingeschaut haben, und muß zu dem Schluß kommen, daß sie nur ihren Namen gegeben und kassiert haben; denn es stimmt historisch nichts in diesem Film, kein Milieu, keine Uniform - nichts.
Noch eine Ungeheuerlichkeit: Victor Klemperer war ein Mann des 19. Jahrhunderts, ein in gutem Sinne des Wortes bürgerlicher Professor. Dementsprechend waren seine Auffassungen von Ethik und Moral. Im Film schickt der Szenarist diesen Mann, der obendrein immer ein schlechtes Gewissen seiner Frau gegenüber hat, weil er sich als Jude schuldig fühlt, daß sie so viele Bedrohungen auf sich nehmen muß, nach Berlin, wo er sich ... über ein blondes Mädchen hermacht. Eva wird sich später revanchieren. Unglaublich. Gerade diese Szene zeigt, daß es bei der Arbeit vor allem darauf ankam, eine hohe Quote zu erreichen. Und dafür mußte eine Seifenoper her. Als habe es die Leistungen der Fechner, Monk und manches Filmemachers im Osten nie gegeben. Welch eine Chance wurde hier vertan!"
Historische Stoffe sind nicht selten gekennzeichnet von schwieriger Quellenlage. Oft weiß niemand, was wirklich passiert ist. Dann ist es legitim, begründete Antworten zu (er)finden. Hier jedoch geht es um konkrete Ereignisse und Schicksale von definierten Personen, die durch das Klemperer-Tagebuch unzweideutig und detailliert aufgezeichnet wurden. Das findet man nicht oft! Insofern zeugt es von grenzenlosem Dilettantismus und vehementer Ignoranz, diese einzigartige Ausgangsbasis vorsätzlich zu (ver)fälschen. Dafür gibt es keine Entschuldigung, selbst wenn die TV-Serie an sich, losgelöst von tatsächlichen Begebenheiten, unterhaltsam sein mag. Sie ist es jedoch auf Kosten des mittlerweile legendären Chronisten Victor Klemperer und seiner Frau Eva. Das hat er nicht verdient. Das ist nicht tolerierbar und das kommt einer posthumen Vergewaltigung gleich.
Meine Empfehlung
Tun Sie sich diese widerwärtige TV-Serie nicht an, sondern lesen Sie stattdessen Klemperers Tagebücher.