Wer bei "Picknick auf dem Eis" triefenden Tiefsinn und Gedankenschwere erwartet, wie man es hierzulande von russischer Prosa zu kennen glaubt, der wird von diesem sarkastischen Vielleicht-doch-nicht-Krimi enttäuscht sein. Alle anderen aber können sich freuen: Dieser Roman um den Nekrologschreiber Viktor und seinen depressiven Pinguin Mischa im Kiew der 1990er Jahre ist nämlich ganz einfach allerfeinste Unterhaltungsliteratur der Art, wie man sie immer gern liest.
Der arbeitslose Schriftsteller Viktor wird von den Kiewer "Hauptstadtnachrichten" als pseudonymer Nekrologschreiber angeheuert, genauer gesagt: Viktor soll Nekrologe "auf Vorrat" schreiben (durchaus üblich in der Branche). Die Bezahlung ist gut, also nimmt er an und schreibt fortan schwülstige Nachrufe auf VIPs aller Art. Allerdings gibt es ihm mit der Zeit zu denken, dass man ihm Tipps gibt, auf wen er einen Nachruf schreiben könnte, und tatsächlich: Jeder, auf den er gerade einen Nachruf geschrieben hat, stirbt kurze Zeit später "plötzlich und unerwartet". Viktor wird zum Schreibtischtäter in Mafia-Diensten, das ist ihm auch klar -- aber immerhin erfüllt sich für ihn der Traum eines jeden Schriftstellers: Er wird veröffentlicht. Und muss nicht jeder Mensch irgendwann einmal sterben?
In Viktors bislang eher beschauliches Leben, das er mit seinem depressiven Pinguin teilt(wegen Geldmangel hatte der Zoo seine Tiere verschenkt, bis nur noch Riesenschlangen und Tiger übrig waren), kommt nun allerhand Aufregung: Zunächst quartiert ein Freund seine kleine Tochter bei ihm ein, angeblich für wenige Tage -- doch dann ist auch dessen Nekrolog fällig. Gleichzeitig wird der Pinguin von der Mafia als würdevoller Gast auf Beerdigungen gemietet; die Gage pro Auftritt beträgt 1000 Dollar...
Schließlich bekommt Viktor mit, dass gerade sein eigener Nachruf geschrieben wird, und nun weißer: Er muss sich schleunigst absetzen -- aber wie und wohin? ...
Andrej Kurkow schildert diese aberwitzige Handlung in eher sachlich-zurückhaltendem Stil, passend zum Naturell seiner Protagonisten, aber auch passend zum Plot selbst, der auf diese Weise erst richtig wirken kann mit seiner Mischung aus Galgenhumor und Zynismus der ersten postsowjetischen Jahre.