"... oder teilst du aus?" Auf diese simple Alternative lässt sich die Rangfolge (oder besser: Hackordnung) im Jugendgefängnis reduzieren. Entweder man gehört zu denen, die herrschen oder zu denen, die beherrscht, d.h. drangsaliert, gequält, gedemütigt und schlichtweg fertig gemacht werden. Der Betrachter lernt diese Welt des Jugendknastes, die auch die gesamte Filmlänge der einzige Ort der Handlung ist (gedreht wurde in einem erst kürzlich stillgelegten Gefängnis in Landshut), zusammen mit Kevin kennen. Er tritt seine Strafe an und ist der "Picco", der Neue, der sich Respekt erst verdienen muss und solange auf der untersten Stufe der Hierarchie steht. So muss er direkt zu Beginn für seine Mithäftlinge in der Viererzelle das Geschirr abwaschen. Man lernt den regelmäßigen Tageslauf kennen: Nur eine Stunde Freigang am Tag im schmucklosen Innenhof, die Arbeit in der Wäscherei, dreimal Duschen in der Woche in seperaten Räumen, viel 'tote' oder totzuschlagende Zeit in der Zelle und das Gespräch mit der Psychologin, entweder im Stuhlkreis als Gruppensitzung oder im Einzelgespräch.
Im Zentrum stehen neben Kevin die drei anderen aus seiner Zelle: Marc, Andy und Tommy. Während Marc und Andy zu den Tonangebenden, die austeilen, gehören, ist Tommy, obwohl schon länger einsitzend, aber eben jünger und schwächer als die anderen, immer noch ein Picco. Genau wie Kevin, der zur Psychologin sagt, er wolle es "einfach nur überstehen", denkt auch Tommy nur an's heil-davon-kommen. Das bedeutet, den anderen keine Gelegenheit zu geben, als Opfer gesehen zu werden. Dazu gehört auch beim Quälen anderer Opfer konsequent wegzusehen. Kevin will das lange Zeit nicht akzeptieren, gerät aber selbst unter Druck und muss zeigen, dass er kein Opfer ist. Vor allem, da die Atmosphäre in der Zelle sich weiter zuspitzt.
Regisseur Philipp Koch hat den Film als Abschlussarbeit an der Münchener Filmhochschule gedreht und sagt im Interview, dass der grausame Mord an einem Mithäftling in der JVA Siegburg vor einigen Jahren zwar die Anregung gegeben hätte und er auch viel Wert auf Authentizität in der Gestaltung und den Abläufen gelegt habe, es sei aber keine direkte Verarbeitung des Ereignisses aus Siegburg, sondern der Film speist sich aus zahlreichen Berichten von am Jugendstrafvollzug beteiligten Personen, gerade auch Aussagen und Berichten von Gefangenen, die direkt in die Handlung mit einflossen.
In entsättigten Farben und mit eindrucksvollen Jungdarstellern wird von Beginn an eine beklemmende Atmosphäre erzeugt, der sich der Betrachter aufgrund der Dramatisierung nur schwer entziehen kann, die aber auch oft schwer auszuhalten ist (z.B. wenn ein Junge vergewaltigt wird). Vor allem die letzte halbe Stunde ist wegen der massiven körperlichen und psychischen Gewalt kaum erträglich und wurde bereits auf dem Max Ophüls-Festival 2010 in Saarbrücken und auch in Cannes kontrovers diskutiert. In Saarbrücken gewann der Film dann den Hauptpreis.
Die Darstellung der Gewalt ist niemals voyeuristisch, so wird konsequent die Opferperspektive gewählt und auf einen Soundtrack verzichtet. Um die kritische Anklage gegen ein System zu formulieren, in der die Straftäter bereits verloren haben, bevor ihnen eine neue Chance zur Resozialisierung geboten wird, müssen allerdings der beständige Druck, die Hoffnungslosigkeit und eben auch die Gewalt spürbar vermittelt werden. Ein Gesellschaftsbezug misslingt dem Film jedoch, da man über die Hintergründe der Gefangegen fast nichts erfährt und die Welt "draußen" nur einmal recht holzschnittartig durch einen Besuchstag sichtbar wird. Hier liegt auch die Grenze der Aussagekraft dieses verstörenden, aber sicher formal und inhaltlich sehenswerten Filmes.
Die Extras enthalten neben einem interessanten Interview mit dem Regisseur entfernte Szenen und den Trailer.