Es gibt wohl kein Buch, welches mehr deutsche Kampfkunstbegeisterte gelesen und diskutiert haben als "Vom Zweikampf" - und wie man an den Rezensionen hier unschwer erkennen kann polarisiert dieses Werk enorm. Für die Einen ist es ein legendärer Meilenstein und die Bibel der Kampfkunst, für die Anderen völliger Humbug.
Bei "Vom Zweikampf" handelt es sich grundsätzlich um ein Traktat zur Kampfkunst im allgemeinen und im speziellen zum von Kernspecht repräsentierten System WT (welches ich auch einige Jahre und gerne trainiert habe). Wenn man dieses Buch unvorbelastet liest ist es durchaus faszinierend. Kernspecht versteht es sehr geschickt, den Leser auf seine Seite zu bringen und seine Ideen als zwingende Logik zu verkaufen. Alles wirkt so fundamental richtig und revolutionär, das man sich prompt fragt: wieso ist der Rest der Kampfkunstwelt nur so blöd, um die von Kernspecht verkündeten Wahrheiten in den letzten Jahrhunderten nicht NICHT auch zu erkennen?
Genau hier liegt das Kernproblem des Buches: der Rest der Welt ist eben nicht blöd - Vieles verhält sich eben in der Realität anders als es Kernspecht hier darstellt.
Kernspecht vereinfacht die meisten Sachverhalte extrem und stellt dabei alle, die nicht seiner Lehre folgen, als letztlich unwissende Deppen dar. Zwar wird er nicht müde, die Wichtigkeit aller Kampfkünste zu preisen, gleichzeitig spricht er aber nahezu jedem anderen System seinen Selbstverteidigungswert komplett ab - mit Argumenten, die sich zwar auf den ersten Blick logisch lesen, aber dennoch sehr oberflächlich und mitunter schlichtweg falsch sind. Der von ihm immer wieder erhobene Anspruch "wissenschaftlich" zu arbeiten wird durch seine gesamte Argumentationskette permanent ad absurdum geführt: hier wird schlichtweg Meinungsmache betrieben, mitunter mit höchst fadenscheinigen (und manchmal absurden!) Argumenten und mitunter auf sehr niedrigem Niveau.
Außerdem: wenn Kernspecht recht hätte wäre nicht nur seine (!) Form des WT das einzig (!) sinnvolle System, sondern auch alle anderen Systeme mal mehr, mal weniger undurchdachter Blödsinn - und es wäre dann auch nie zu einer solchen Vielfalt der Kampfkünste gekommen. Das dem schlichtweg nicht so ist kann jeder jederzeit feststellen. Auch wären WT Anwender per definitionem jedem Gegner gleich welchen Systems überlegen - dass dies in seiner Pauschalität nicht zutrifft (und nicht zutreffen kann - weder bei WT noch bei einem anderen System) bestreiten ja nicht einmal begeisterte WT Anhänger.
Zu alle diesen Ärgernissen kommt ein kaum erträglicher Personenkult, den Kernspecht um sich selbst herum aufbaut. Ich stelle nicht in Abrede, dass der Mann (auch kommerziell) enorm viel erreicht hat... dennoch zeigt sich in den Ausführungen in diesem Buch eine Selbstverliebtheit und ein Hang zur Selbstmystifizierung, welche die Lektüre extrem erschweren. Nicht nur Kernspechts biographische Daten sind schwer in Einklang zu bringen (erstaunlich, wie viele Berufe dieser Mann gleichzeitig hatte...), auch der Rest seiner häufigen Ausführungen zur eigenen Person sind höchst befremdlich.
Wenn Kernspecht in älteren Ausgaben dieses Buches (verständlich, das diese Passage mittlerweile fehlt!) dann auch noch seinen Vater noch als einen der bedeutensten Magier (!!!) seiner Zeit bezeichnet, der Meister der schwarzen wie weißen Magie war und sich selbst als in seiner Jugend sehr routinierten Telepaten und Telekineten, dann wundert man sich über nichts mehr.
Die fehlende Bodenhaftung des Autors in eigener Sache geht lässt natürlich auch den Rest seiner Argumentationen in sehr fragwürdigem Licht erscheinen - wie glaubhaft sind die Ausführungen zu seiner Sicht des WT, wenn er schon bei seiner eigenen Person derart dick aufträgt und es dort mit der Wahrheit offenkundig nicht so genau nimmt?
Positiv ist allerdings zu betonen, dass sich das Buch schlichtweg unterhaltsam liest und durchaus hochinteressante Passagen enthält. Als Denkanstoß für Leser und Vertreter vieler Systeme sind Kernspechts Ausführungen sicherlich sinnvoll, und außerdem ist dies bei aller notwendiger Kritik eines der Bücher, die man als deutschsprachiger Kampfkunstanwender einfach kennen sollte.
Insgesamt ist festzustellen, dass mit diesem Buch dem WT im Endeffekt keinen Gefallen getan wurde - sicherlich hat das Werk zu einem enormen Popularitätsschub geführt, aber gleichzeitig überzogene und unrealistische Erwartungen aufgebaut, die auch WT (genauso wenig wie irgendein anderes System) nicht erfüllen kann. Dies ist absolut kein Versagen von WT, sondern einfach ein Problem der Darstellung in diesem Buch.
Hinzu kommt, dass sich hier derjenige, der WT in sicherlich harter Arbeit zu seiner hohen Popularität gerade in Deutschland verholfen hat, nicht wirklich ehrlich, aufrichtig und glaubhaft präsentiert.
Das all dies zum leider nicht unumstrittenen Image von WT maßgeblich beigetragen hat dürfte offensichtlich sein.