Kurz zur Problematik, der man sich stellt, sofern man das Fach Physiologie erschlagen möchte. Man hat die Alternativen Schmidt/Lang, Deetjen/Speckmann und drittens jenes hier vorliegende Werk.
Sich nun zu entscheiden, ist zwar schwer, aber gar nicht mal so schwer, wenn man sich überlegt, was für Erwartungen man hat und was für ein Typ man ist.
Der Silbernagl glänzt mit zahlreichen, unglaublich guten und vor allem effektiven Graphen, die gewissermaßen (und jeder Physiologie wird das ohne Wenn und Aber bestätigen) das Rückgrat der Physiologie bilden.
Effektiv sind sie vor allem hinsichtlich des grundlegenden Verstehens (was z.B. ADH genau für Auswirkungen haben kann in der Niere, wie dynamische Lungenarbeit zu verstehen ist und warum der Graph genau nun so und nicht anders aussieht), was durch eine hohe mathematisch-physikalische Qualität zusätzlich unterstrichen wird (ich meine damit, dass Formeln weitgehend hergeleitet werden (und dabei hilft es schon unglaublich zu sagen, dass jener Wert einfach mal willkürlich festgelegt wurde!), dass bei einer Achsenbeschriftung nie ein "delta" als Zeichen einer Differenz vergessen wird, dass nie so etwas wie Akkommodationsbereich mit -breite verwurschtelt wird, wie Speckmann es macht).
Also, nochmal kurz und prägnant: die Grundlagen verstehen, ohne dabei Unwesentliches zu vergessen bzw. sich in Details verlieren.
Wie erwähnt, eine Frage der Ansprüche. Ich bin der Lerntyp, der genau das obrige sucht, aufs Wesentlichste wohl etwas zu starr fixiert, das dann aber fassen wollend, auf Klinik in der Vorklinik noch verzichtend. Und es gibt gewiss andere Lerntypen.
So derjenige, dem es gerade gefällt, anhand von klinischen Fallbeispielen die (Patho?)Physiologie erklärt zu bekommen, oder der, der schnell über das Durchlesen der Zusammenfassungen den Stoff einverleiben will (hier empfehle ich den Schmidt/Lang).
So schwer es mir fällt, hier nicht wertend einzugreifen, ist dieses Buch aber also keinesfalls für jeden, was hier die Ambivalenz der Bewertungen (in recht oberflächlicher Weise) zeigt.
Das Buch richtet sich meiner Empfindung nach deutlich an die, die die Vorklinik und damit den gesunden Kasus Mensch verstehen und nutzen wollen, um in der Klinik vom morphologisch-physiologischen hin zum pathologischen zu kommen, was meiner Ansicht der logischste Weg ist. Wie erwähnt, eine Frage der Ansprüche.
Was bleibt also? Ich überlege, was für ein Typ ich bin. Der Schmidt-Lang schafft es, viele, und insgesamt wohl etwas "mehr" Inhalte (v.a. auch die pathophysiologischen) zu erwähnen, ohne also so sehr in die Tiefe, dafür mehr in die Breite zu gehen, was auch seine Vorteile hat (vielleicht sind das langfristig gesehen die entscheidenen Vorteile? - ich weiß es nicht). Auch der Schmidt-Lang vermittelt die Stoffe hinsichtlich Verstehen, nur fehlt der ein oder andere Satz, Herleitung, Graph, um "das Licht aufgehen zu lassen", um die Sache hundertprozentig zu checken.
Eines ( = 5-1 = 4) darf man nicht vergessen, und das schmälert die Gesamtbewertung. Jedes der großen Physiologie-Lehrbücher muss ein so riesiges Gebiet vermitteln, dass man beim Lernen oft in thematische Sackgassen fährt. Das sind Punkte, die in Klausuren niemals abgefragt werden und das Fass gefährlich nahe zum Überlaufen bringen (ich meine zum Beispiel die physikalischen Grundlagen des Kapitel Optik, die vll. sinnvoll, aber einen mutlos werden lassen). Erforderlich ist also immernoch ein gewisses Setzen von Prioritäten und einer Auslese von Lernstoff, der zweifelsfrei von Uni zu Uni zu diesem, zu jenem Thema schwankt.
So meine Einschätzung.
Den Speckmann kann ich nun nicht empfehlen. Er macht Fehler und setzt Schwerpunkte, wo sich mir, und ich habe die Physiologie weitgehend erschlossen, im Nachhinein die Nägel hochbiegen. Mit Schmidt-Lang fährt man solide, es kommt auf einen selbst drauf an (Ich wurde immer aggressiv, weil er "so langsam war").
Die Gründe für den Klinke-Pape-Silbernagl sind die erwähnten, nämlich neben dem Focus auf das Wesentliche (eingebettet in insgesamt elegante Erklärungen) die fachliche Überlegenheit gepaart mit mathematisch-physikalischer Präzision.
--> ich habe diese Rezension damals für die ältere Ausgabe geschrieben, sie gilt aber genauso für diese. <---