Das Buch der amerikanischen Autoren Thomas Engel und Philip Reid - hier in deutscher Übersetzung - ist das seitenmäßig umfangreichste und wohl auch schwerste (3,2 kg) der in deutscher Sprache auf dem Markt befindlichen Lehrbücher der Physikalischen Chemie. Dabei ist die getroffene Stoffauswahl durchaus einseitig. Beispielsweise sind die Themen "Festkörper" sowie "Grenzflächen und Kolloide" nicht mit eigenen Kapiteln vertreten. Einige wenige Aspekte dieser Gebiete werden versteckt unter anderen Kapitelüberschriften angesprochen, sind aber nur zufällig auffindbar, weil relevante Stichwörter im Index fehlen. Überhaupt ist der Index höchst lückenhaft, gegenüber der amerikanischen Ausgabe ist er nahezu auf die Hälfte reduzieret. Thematischer Schwerpunkt des Buches ist "Quantentheorie/Quantenchemie", welcher über ein Drittel des Buchumfangs einnimmt. Hierzu wird je ein Kapitel über "Computerchemie" und "Molekülsymmetrie" gerechnet.
Nahezu alle Kapitel des Buches enthalten sachliche Fehler solcher Art, wie man sie in einem Ernst zu nehmenden Lehrbuch der Physikalischen Chemie nicht vermutet. Zu der großen Zahl solcher Fehler, die zum Teil wohl auf unzureichende Kenntnisse der Autoren über elementare Grundlagen von Physik und Mathematik zurück zu führen sind, gehören beispielsweise: eine Aussage, die dem allgemeinen Energieerhaltungssatz widerspricht; die Aussage, dass der elektrische Strom vom Gradienten der Ladung (!) bestimmt wird und diesem proportional ist; die Darstellung und Besprechung einer Verteilungsfunktion, z. B. der Geschwindigkeitsverteilungsfunktion, die erkennen lässt, dass die Grundlagen der elementaren Integralrechnung nicht verstanden sind; die falsche Definition der kanonischen Zustandssumme; der Satz: "Das in diesem Verfahren [die Bestimmung von Termen für eine Elektronenkonfiguration] angewendete Bild gründet sich nicht auf die Realität, da man die Terme nicht mit wirklichen Werten von ml und ms in Verbindung bringen kann", u. v. a. .m.
Das Kapitel 11, "Elektrochemische Zellen, Batterien und Brennstoffzellen" behandelt die Grundlagen für das, was unter dem Schlagwort "Umwandlung von chemischer in elektrische Energie" heute in Aller Munde ist. Hier wird nun mit willkürlichen Festlegungen, die zu physikalisch unsinnigen Folgerungen führen, ein Argumentationsmuster "zusammengestrickt", das zwar formal zu den richtigen Formeln führt, das physikalische Verständnis aber vollständig blockiert.
Die didaktische Vorgehensweise in diesem Buch ist durchgehend höchst kritikwürdig. Beispielsweise werden die s-Orbitale des Wasserstoffatoms über Seiten hinweg mit pedantischer Akribie und mit teilweise recht unanschaulichen Darstellungen behandelt, während p- und d-Orbitale " an f-Orbitale ist überhaupt nicht zu denken " mit jeweils 2 dürftigen Konturliniendiagrammen und einem belang- und hilflosen Begleittext auf weniger als einer halben Seite erledigt werden. Dazu kommen sachliche Fehler wie Darstellungen, in denen die radialen Verteilungsfunktionen der s-Orbitale in Form von physikalisch unsinnigen Schwärzungsdiagrammen dargestellt werden. Wenn es im Vorwort heißt, "die konsequente physikalisch-mechanistische Erklärung der Gesetze der Physikalischen Chemie" zeichne das Buch aus, und "Nicht die flüchtige Abarbeitung einer größtmöglichen Zahl von Themen, sondern der Aufbau eines nachhaltigen Verständnisses steht dabei im Vordergrund", dann hat das Buch sein Ziel klar verfehlt. Man erkennt zwar das Bemühen, der Mangel an fachlicher und auch didaktischer Kompetenz ist jedoch nicht zu übersehen.
Die vorliegende deutsche Ausgabe des Buches sticht durch eine unglaublich große Anzahl von Übersetzungsfehlern und Übersetzungsungenauigkeiten hervor, sie gehen in die Hunderte. Teilweise sind diese Fehler grotesker Natur, z. B. wenn die Salzbrücke ("salt bridge") in einer elektrochemischen Zelle mit "Ionenbindung" oder auch mit "Ionbindung" bezeichnet wird, oder wenn "derivative", die Ableitung einer Funktion, mit "Derivat" übersetzt ist. Das geht so weit, dass Passagen in der deutschen Ausgabe sachlich exakt das Gegenteil von dem aussagen, was im amerikanischen Text zu lesen ist.. Schon beim flüchtigen Durchlesen sind dem Rezensenten vier solcher Stellen aufgefallen. Auch kommt es vor, dass eine Passage unverständlich ist und man erst die amerikanische Ausgabe konsultieren muss, um zu erkennen, wovon überhaupt die Rede ist.
Studierenden, die von einem Lehrbuch der physikalischen Chemie mehr erwarten als eine Ansammlung von farblich schön gestalteten Zeichnungen und ein Kompendium von (meist richtigen) Formeln und korrekt durchgerechneten Übungsaufgaben, sondern die sich in die Grundlagen der physikalischen Chemie gewissenhaft einarbeiten möchten,. ist nachdrücklich abzuraten, sich dieses Buch zu beschaffen, ja darin überhaupt zu lesen. Man kann nie sicher sein, ob eine Aussage richtig ist oder nicht. Der um ein physikalisches Verständnis der Zusammenhänge bemühte Leser wird ein ums andere Mal zur Verzweiflung getrieben über die sachlichen und logischen Ungereimtheiten und Fehler zumal in der deutschen Ausgabe, wo alle diese Dinge durch die katastrophale Übersetzung noch stark verschlimmert werden. Studierende mit Interesse für ein Lehrbuch der Physikalischen Chemie sollten sich nicht durch die famose Liste von 80 Gutachtern, die alle namentlich genannt sind, noch dadurch beeindrucken lassen, dass je ein Professor der Physikalischen Chemie aus Deutschland und Österreich die deutsche Ausgabe als Fachlektoren betreut haben, noch dadurch, dass unter "Danksagungen" demjenigen Anerkennung gezollt wird, "der die sachliche Richtigkeit aller Kapitel geprüft hat". Dieses Buch ist eine Katastrophe für das Fach Physikalische Chemie!