Was Prof. Hermann Schulz seinen Lesern hier vermittelt, kann nicht hoch genug gewuerdigt werden. Das Bestechende an diesem Werk ist nicht so sehr die gute Auswahl des Inhalts, sondern die stetige Anregung, sich von herkoemmlichen Gepflogenheiten zu loesen wenn dies von Vorteil ist. Und seien es *neuartige* Abkuerzungen für mathematische Sachverhalte. Hier bewegt sich H. Schulz ganz im Fahrwasser von Richard P. Feynman. Auf diese Weise lernt der Leser, sich freizurollen, selbst kreativ zu werden, anstatt sich stets an das zu halten, was immer schon so (und nicht anders) gemacht wird. Im Text wird häufig darauf hingewiesen, dass die Abweichungen von der Norm Vorschläge sind. Stets wird zu eigenen Kreationen ermuntert. Die Ansicht, der Autor wolle seinen Lesern eine bestimmten Stil aufdruecken erscheint mir als eine unhaltbare Unterstellung, die zu der weiteren Unterstellung verleitet, die Kritiker wollen alles so vorfinden wie es immer schon war. Fuer sie ist das Buch nicht geschrieben worden. Es gibt genug *Klassiker* auf dem Markt.
Die Anordnung des Stoffes ist im wahren Sinne des Wortes übersichtlich, aber genau so unorthodox wie die ganze Intention des Buches. Daher empfiehlt es sich als wichtiger Zusatz zu der Standardliteratur. Zu keiner Zeit war es je ausreichend, sich bei einer Vorlesung nur auf ein einziges Werk zu verlassen. Wer sich also Physik mit Bleistift als einziges (!) Werk für eine theoretische Vorlesung zulegt, hat die Intention von H. Schulz anscheinend nicht ganz verstanden.
Gleichwohl, der lockere (aber dennoch sehr genaue) Stil, die flapsigen Bemerkungen, liegen nicht jedermann. Von Beleidigungen (wie hier in manchen Rezensionen zu lesen) ist weit und breit nichts zu finden. Wenn Schulz ausruft: O Heimatland, Deine Lehrer! so ist das im Kontext zu bewerten und es sind diejenigen Unterrichtsgänge gemeint, die der Intention des Buches -- die Entwicklung eigener Kreativität -- widersprechen. Und davon gibt es wahrlich nicht wenige. Insofern sind vor allem die ersten Kapitel für den Unterricht in Physik (und auch in Mathematik) an Gymnasien eine große Unterstützung in der Entwicklung kreativer Unterrichtsgänge.
Ein kleiner Wermutstropfen tut sich dann doch bei der ersten Uebungaufgabe auf: Wenn ein Wanderer auf der Cheopspyramide entlanglaeuft und bei einem Punkt bekannt ist, dass er auf halber Hoehe liegt, dann ist es sinnlos, aus der Zeit für den Rundgang die Hoehe auszurechnen, denn diese Information wäre bei der Bestimmung des erwähnten Punktes schon notwendig gewesen. Also wird hier Schulz an einer kleinen Stelle seiner Vorgabe untreu und präsentiert eine typische Schulaufgabe, deren Sinn sich lediglich darin erschöpft, dass man sie rechnen kann.
Doch das Buch will ja auch zum Widerspruch anregen. In einigen Punkten durchaus auch bei physikalischen Aspekten. Nur eines will es NICHT: Passivitaet und Autoritaetsglaeubigkeit (H. Schulz). Als waere es ein Werk von Feynman.