Led Zeppelin waren ja bekannt für ihre Vielseitigkeit und dafür, sich von allen möglichen Musikrichtungen inspirieren zu lassen. Nach den beiden ersten, sehr Hard-Rock- und Blues-orientierten Alben, wagten sie mit "III", "IV" und "Houses Of The Holy" neue Schritte und hatten stets neue Überraschungen parat.
Auf "Physical Graffiti" findet die enorme stilistische Bandbreite der Band ihren Höhepunkt. Es ist zwar bei Doppelalben logischerweise sehr schwer, konstant auf hohem Niveau zu bleiben, die ganze Zeit den Hörer sowohl mit Abwechslungsreichtum, als auch mit gutem Song-Wrting bei der Stange zu halten und keine Langeweile aufkommen zu lassen, aber Led Zeppelin schaffen dies doch ziemlich gut.
Der Opener "Custard Pie" (heißt übrigens so viel wie "Kuchen mit Vanillesoße"... lustig) mit seinem markanten Riff und der Mundharmonika ist irgendwie so ein typischer Zeppelin-Rocker, auch wenn er anders klingt als die Opener der vorigen Alben, die auch stets eher die straighten Hard-Rock-Songs waren.
Das anschließende "The Rover" ist gleich einer meiner Faves auf dem Album; die Melodieführung besonders im Refrain ist klasse und der coole Bass tut sein Übriges.
Im 11-minütigen Blues-Epos "In My Time Of Dying" kommt dann durch Pages Slide-Gitarre tiefstes Südstaaten-Feeling auf, bei dem John Bonham die Bass-Drum richtig krachen lässt.
Track 4, "Houses Of The Holy", war natürlich eigentlich für das Vorgängeralbum gedacht und von der fröhlichen Melodie her merkt man dies auch. Nicht unbedingt der stärkste Song von "Physical Graffiti", aber ganz nett.
Den Abschluss der ersten CD - oder LP - bilden dann das sehr funkige (besonders durch Jones' Keyboardsolo) "Trampled Underfoot" und das orientalisch klingende "Kashmir", das wohl jeder kennt; oder zumindest das Riff, das ja schon x-mal geklaut wurde. Durch die orientalische Harmonieführung und den Gesang von Plant kommt irgendwie eine sehnsüchtig klingende Stimmung auf und Robert Plant erklärte auch mal, dass er sich irgendwie in den Kopf gesetzt hätte, unbedingt mal nach Kaschmir zu fahren.
Obwohl die erste CD schon ziemlich gut ist, finde ich persönlich die zweite fast noch besser, obwohl man sich darauf schon ein bisschen einlassen muss. Gerade so ein völlig zugedrogt klingender Psychedelic-Song wie "In The Light" gleich am Anfang ist sicherlich durch die spacigen Synthie-Sounds nicht so leicht verdaulich, ist aber schon ziemlich gut gemacht, vor allem wenn sich, durch die Musik hervorragend ausgedrückt, die schwermütigen Stimmung gegen Ende in eine fröhlichere, optimistischere wandelt und Plant dazu "everybody needs a light" singt.
Etwas leichter verdaulich ist hingegen natürlich Pages kurzes Akustikstück "Bron-Yr-Aur" und das anschließende "Down By The Seaside" ist geradezu lässig und herrlich relaxt.
Mit "Ten Years Gone" folgt danach eine melancholische Ballade, bei der Page angeblich 14 Gitarrenspuren (!) übereinander gelegt haben soll. Für mich einer der schönsten Songs von Led Zeppelin überhaupt.
Während dann das Hammond-Orgel-geprägte "Night Flight" recht überzeugend ist, wirkt "The Wanton Song" etwas belanglos und stellt für mich das schwächste Stück des Albums dar.
Dann wären da noch "Boogie With Stu", das mal wieder etwas ganz anderes ist, "Black Country Woman", das einen guten Groove hat und vor allem durch den geilen Aufbau dank der Drums von John Bonham lebt und "Sick Again"; ein fetter, rockender Abschluss, denn vor allem das Abwärts-Riffing der Gitarre und des Basses im Refrain ist einfach nur zum Niederknien.
Fazit: Man sollte sich Zeit nehmen, um "Physical Graffiti", das für mich neben dem vierten Werk das beste der Zeps ist, richtig zu entdecken - denn es gibt wahrhaft viel zu entdecken.
Übrigens nicht nur, was die Musik betrifft, sondern auch das äußerst interessant gestaltete Cover.