Von Paul Scheeles Buch darf man sich nicht zu viel erwarten. Es bietet bestenfalls einen ersten Einblick in das Funktionsprinzip des „Photo-Reading": Sich zunächst einen Überblick über den Inhalt des zu lesenden Buches verschaffen, dann oberflächlich "photolesen" und sein Unterbewusstsein arbeiten lassen. Nach einer Pause jene Informationen, die man wirklich braucht, ins Bewusstsein holen.
Praktische Anleitungen für die Umsetzung im Selbststudium sucht man vergebens. So wird z.B. der "Photoblick" nicht genau erklärt, sodass man raten muss, ob man diesen Zustand erreicht hat oder nicht. Ohne eines der sündteuren Photo-Reading-Seminare, die ungeniert angepriesen werden, ist dieses Buch für die Praxis wertlos.
Bleibt der Erfolg aus, hat Scheele einen Trost parat: PhotoReading sei eigentlich eine ganzheitliche Methode zur Schulung des "Gehirns" und die schnelle Lesegeschwindigkeit nur ein Nebenprodukt. Wenn es mit den sagenhaften 25.000 Worten pro Minute nicht klappt (vermutlich weil man sich nicht genug auf die Methode "eingelassen hat" ) bleibt als Wirkung immer noch die "Förderung der eigenen Intuition" und die "Stärkung der Sehkraft"! Schwer überprüfbare Zusagen.... !
Auch stilistisch tut man sich mit der amerikanischen Euphorie des Autors und der schlechten Übersetzung ins Deutsche schwer. Außerdem führt er ständig neue Begriffe ein, die angestrengtes Nachdenken provozieren, sich aber als leere Worthülsen entpuppen. So ist z.B. seine "Aktivierung" nichts anderes als Vor- und Nachbereitung des Textes. Viele Wortschöpfungen haben nur den Zweck, seiner Methode den Anschein des Neuen zu geben.
Scheele behauptet, der Inhalt eines mit unscharfen Blick durchgeblätterten Buches werde anders als beim "Schelllesen " nach Tony Buzan nicht bewusst wort- oder satzweise aufgenommen, sondern seitenweise mit dem Unterbewusstsein. Leider funktioniert das nicht, wie auch jüngste Erkenntnisse der Gehirnforschung belegen, sondern raubt dem Leser bloß Zeit und Mühe.
Was am Photoreading tatsächlich wirkt, sind altbekannte Techniken: Vor- und Nachbereitung, effiziente Notizentechnik, Fragen zu Überschriften formulieren. Scheeles greift in weiten Teilen auf die "SQ3R-Technik" zurück, die es schon seit 1969 gibt, die in Versuchen erprobt und als äußerst wirksam bestätigt wurde - und die vor allem autodidaktisch erlernbar ist. Nachzulesen bei P.G. Zimbardo/ R.J. Gerrig: Psychologie. Springer 2000 und bei C.T. Morgan und J. Deese: How to study. McGraw-Hill 1969, bei K. L. Higbee: Your memory: How it works and how to improve it, Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall 1977.
"PhotoReading" ist also allenfalls etwas für Leute, die an akademischen Fragestellungen interessiert sind, praktisch orientierte Leser sollten zu Alternativliteratur greifen.