Das Buch zeigt an verschiedenen Stellen eine erstaunlich oberflächliche, ja logisch fehlerhafte Argumentationsweise. Betrachten wir beispielhaft folgende Ausführungen:
'Lebewesen UNTERSCHEIDEN Gegenstände zunächst dadurch, daß sie ihnen gegenüber verschiedenes Tun an den Tag legen. So unterscheiden wir Menschen beispielsweise in unserem Tun Brennesseln von Tomaten, wenn wir die Hände von ersteren zurückziehen, und wir unterscheiden rote von grünen Tomaten, wenn wir die ersteren ernten und die letzteren (noch) stehen lassen. Dort, wo unterschieden wird oder werden kann, sprechen wir von einem bestehenden Unterschied.
An dieser Einführung des Terminus 'Unterschied' zeigt sich zunächst, daß die von den philosophischen Realisten getroffene Aussage 'Unterscheidungen können vollzogen werden, weil (in der Welt) entsprechende Unterschiede bestehen' eine Pseudoerklärung darstellt. Sie bedeutet nicht mehr als 'Weil Unterscheidungen vollzogen werden können, können Unterscheidungen vollzogen werden'.
Hier lassen sich mehrere Denkfehler nachweisen. Erstens kann der Verfasser seine Aussage über das 'verschiedene' Tun gegenüber Brennesseln und Tomaten nur treffen, wenn er dieses Tun selbst als jeweils verschieden erkennt, d. h. den Unterschied zwischen beiden Verhaltensweisen erkennt. Wollte er konsequent sein, so müßte er auch diesen Unterschied durch sein eigenes, jeweils 'verschiedenes' Tun konstituiert sein lassen usw. ad infinitum. - Zweitens muß er auch den Unterschied zwischen Brennesseln und Tomaten seinerseits erkannt haben, um überhaupt festellen zu können, daß jemand sich gegenüber verschiedenen Gegenstände verschieden verhält. Er muß also, beides zusammengenommen, seinerseits Zugang haben zu den Unterschieden zwischen Brennesseln und Tomaten und zu den Unterschieden zwischen dem Tun gegenüber beiden. Was bleibt dann noch von der ganzen Konstruktion übrig? - Drittens könnte man es als Erschleichung bezeichnen, wie er die These des Realisten als Tautologie darstellt, weil er bereits voraussetzt, daß dieser die Identität von Verschiedensein und Unterschiedenwerden anerkennt.
Fazit: Sollte sich der Terminus 'Unterschied' wirklich nicht 'unabhängig vom Terminus 'unterscheiden' einführen' lassen, so gilt jedenfalls auch das Umgekehrte. Die ganze Frage erweist sich als müßig, die 'Beweisführung' jedoch als geradezu sophistisch.
Als zweites Beispiel möchte ich Hartmanns 'Widerlegung' Skinners und des Behaviorismus anführen. Hartmann hält die 'Widerlegung' Skinners durch Chomsky für auch heute noch gültig. Er scheint die Diskussion zu diesem Fall, die Widerlegung Chomskys schon vor Jahrzehnten, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen zu haben; die Literaturangaben lassen keinerlei nähere Beschäftigung damit erkennen. Die Behauptung des 'Scheiterns' klingt ebenso und ist ebenso unfundiert wie bei Bieri, Carrier/Mittelstraß usw. (Keil, der nur anfangs einmal nebenbei erwähnt wird, irrt zwar auch, argumentiert aber in seiner Dissertation viel umsichtiger). Zwar hat Hartmann durchaus etwas von Skinner gelesen, um so unverständlicher ist sein Umgang mit der Quelle. So erwähnt er Skinners Thesen zum Erwerb von Emotionswörtern. Während Skinner (nicht nur hier, sondern zum Beispiel auch im Spätwerk 'About Behaviorism', das Hartmann nicht zu kennen scheint) stets eine ganze Reihe von Wegen erörtert, auf denen Ausdrücke für 'Inneres' ('private Zustände') erworben werden, zitiert Hartmann nur einen einzigen. Die wittgensteinisierende 'Widerlegung', wie denn die 'Regularität des Zusammentreffens äußerer und innerer Zustände intersubjektiv festgestellt werden soll', unterstellt Skinner ein philosophisches Interesse an Letztbegründung, das dieser gar nicht hat und für sinnlos erachtet hätte. Wenn man Skinner im Zusammenhang und weniger selektiv liest, sieht man die behauptete Lücke durchaus nicht. So hätte Hartmann die 'Lösung', die er selbst anbietet, ebensogut bei Skinner finden können, wenn er ihn vollständig wiedergegeben hätte. Übrigens ist es zwar plausibel, daß wir, da wir gleich gebaut sind und in ein und derselben Welt leben, durch gleiche Umstände in ungefähr gleiche Verfassung geraten, aber laut Skinner ist dies keine Voraussetzung gelingender Kommunikation; denn ein bestimmtes Sprachverhalten hat für Sprecher und Hörer keineswegs dieselbe Bedeutung, und Kommunikation gelingt auch zwischen denkbar verschiedenen Organismen, ohne daß sich dadurch begriffliche Schwierigkeiten ergeben - für den Behavioristen, der im Gegensatz zum Mentalisten gerade nicht annimmt, daß Sprache innere Vorstellungen oder Begriffe überträgt bzw. hervorruft.
Hartmanns problematische Vorgehensweise läßt sich an seiner Behandlung des Begriffs 'Vorstellung' zeigen. Dieser Begriff oder vielmehr Ausdruck spielt bekanntlich eine Rolle in bestimmten Sprachspielen der menschlichen Verhaltenskoordination. Er ist, wie alle psychologischen Ausdrücke, in historischer Zeit entstanden und hat auch manche Wandlungen durchgemacht. Es wäre beim heutigen Stand der Philosophie zu erwarten, daß die Geschichte und Funktion eines solchen technischen Mittels der Verhaltensabstimmung analysiert und mit der Geschichte und Funktion angrenzender Ausdrücke in Beziehung gesetzt wird. Aber davon ist Hartmann weit entfernt. Für ihn gibt es Vorstellungen einfach, und er glaubt erkannt zu haben, daß Vorstellung die Imitation von Wahrnehmung sei. Da dies quer durch die Sinnesmodalitäten der Fall sein soll, kommen wir zu einer Verdoppelung des Wahrnehmungsverhaltens in jener postulierten 'inneren Welt'.
Unter den Beweisen für die Existenz von Vorstellungen nehmen die Versuche von Metzler/Shepard und anderen zur 'mentalen Rotation' eine hervorragende Stelle ein. Hartmann verfehlt nicht, sie ausführlich zu zitieren. Die Naivität seines Vorgehens zeigt sich wie schon bei seinen Gewährsleuten darin, daß er die Auskunft der Probanden, sie hätten die vorgelegten Figuren im Geiste (oder in der Vorstellung) gedreht, umstandslos wörtlich nimmt. In Wirklichkeit haben die Probanden ihr Verhalten in die gewohnte populärpsychologische Begrifflichkeit eingepaßt - was hätten sie sonst tun sollen!? Der Psychologe darf das aber nicht ohne weiteres mitmachen und der Philosoph noch weniger. Metzler/Shepard haben nicht die mentale Rotation untersucht, sondern ein Verhalten, dem diese populäre Interpretation unterlegt zu werden pflegt. Hinzu kommt aber, daß Hartmann keineswegs auf der Höhe der Forschung ist, denn die Experimente zur vermeintlichen 'mentalen Rotation' sind inzwischen verfeinert worden, haben neue Ergebnisse und neue Erklärungsmöglichkeiten hervorgebracht; vgl. etwa Herrmann/Grabowski 1994: Unterscheidung von Objektrotation und Selbstrotation, Heraushebung eines natürlichen Manipulationsbereichs usw. - lauter Schritte, die den Einbau der fraglichen Leistungen in die Lerngeschichte und damit eine behavioristische Reanalyse möglich machen.
Am Naturalismus arbeiten sich viele ab, auch an der besonders erfolgreichen, sogar nach Hartmanns Maß der 'Stützung von Praxen' anerkannten Fassung des radikalen Behaviorismus. Daß man es sich damit gewöhnlich zu leicht macht, wurde schon erwähnt und ist in meinen einschlägigen Schriften im einzelnen nachgewiesen. Hinzu kommen sprachliche Tricks, die man ohne weiteres als sophistisch bezeichnen kann. Hartmann 'widerlegt' den Naturalismus, indem er schon die Probleme in einer Diktion formuliert, mit der der Gegner garantiert nichts anfangen kann. Mentalistische Vokabeln, handlungstheoretische Begriffe, das Reden von 'Geltungsansprüchen' usw. - das alles gibt ja für den Naturalisten gar keinen Sinn; die 'Unhintergehbarkeit der Teilnehmerperspektive' gründet sich bloß auf diese Wahl des Begriffsapparates. So besteht die Widerlegung im wesentlichen darin, bloße Sprachfallen aufzustellen.
Zum operanten Konditionieren sagt Hartmann, die Wirksamkeit der Verstärkung werde durch 'bedürfnisreduzierende Konsequenzen' erklärt. Für Skinner trifft das nicht zu; der Begriff 'Bedürfnis' ist nicht erforderlich, und die Wirksamkeit der Verstärkung wird keineswegs erklärt, sondern lediglich als Tatsache festgestellt.
Bereits die Sprachauffassung ist so, daß der Naturalismus keine Chance hat. Hartmann erklärt zum Beispiel: 'Ein Prädikator ist ein Wort, welches Gegenständen zu- bzw. abgesprochen werden kann' usw. - eine altehrwürdige Redeweise, gewiß, wie die gewissermaßen 'alteuropäische' Psychologie und Metaphysik, die Hartmann vorträgt - aber eben vollständig im Mentalismus zu Hause. Der Behaviorismus läßt sich durch Anknüpfung an die Folk Psychology der sogenannten Lebenswelt natürlich nicht 'rekonstruieren' - zumal innerhalb der 'Teilnehmerperspektive'. Für die wissenschaftliche Dignität eines Begriffs (eines 'Prädikators', wie es gemäß der naiven Sprachauffassung heißt) scheint es zu genügen, daß er 'eingeübt' werden kann. Einüben kann man freilich alle beliebigen Rituale, folglich auch Vorurteile und auch den Aberglauben an die innere Welt der 'Vorstellungen', 'geistigen Handlungen' usw. Ich denke, daß die semiotische Qualität solchen Redens kritisch hinterfragt werden muß.
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