In seiner Autobiographie, die er wenige Wochen vor dem Tod verfasste, schreibt David Hume: "Der Erfolg meiner Schriften war anfangs selten geeignet, um daraus einen Gegenstand der Eitelkeit zu machen". Obwohl dem Sohne aus adligem, aber keineswegs reichem Hause Ruhm und Anerkennung lange verwehrt blieben, ließ er sich doch von Rückschlägen nie entmutigen; er sah vielmehr auf dem Totenbett voraus, dass sein "literarischer Ruhmesstern endlich noch glanzvoller aufgeht".
Der Verfechter der empirischen Philosophie verdankt seine Popularität in Deutschland vor allem dem Lob Immanuel Kants, der Hume als diejenige Person benennt, die seinen "dogmatischen Schlummer" unterbrochen habe. Raoul Richter, der vor über 100 Jahren das Werk in Deutsch übersetzte und herausgab lobt Humes Sachlichkeit und seinen Geistreichtum, kritisiert aber die umständliche Sprache -nebenbei bemerkt ein Einwand, den ich auch für Kant gelten lasse.
Die ,Untersuchung über den menschlichen Verstand' gliedert sich in drei Blöcke: das erste und das letzte Kapitel bilden den Rahmen, während die Abschnitte zwei bis sechs die Theorie des Empirismus darstellen und sich die Abschnitte sieben bis elf mit Religion und Metaphysik befassen.
Empirismus und Metaphysik:
Im ersten Abschnitt betont Hume den Vorzug des Empirismus für das praktische Handeln der Menschen und stellt ihm die "umstrittenste Wissenschaft", die Metaphysik gegenüber, welche am praktischen Leben vorbeigeht und Gefahr läuft, sich in ihren Gedankengängen zu verirren. Das Denken ist nicht frei, sondern muss auf die Grenzen der Sinneserfahrung beschränkt bleiben; Ursprung der Vorstellung bleibt die Wahrnehmung: "Der lebendigste Gedanke bleibt immer hinter der dumpfsten Wahrnehmung zurück."
Ursache und Wirkung:
Der kausale Zusammenhang, also das Ursache-Wirkung Prinzip ist für Hume von zentraler Bedeutung. Er unterscheidet zwischen der gedanklichen Vorstellung (Logik) und der naturwissenschaftlichen Tatsache (Sinneseindruck). "Das Gegenteil einer Tatsache bleibt immer möglich", schreibt Hume und argumentiert damit ganz im Sinne Poppers, der jede Hypothese als falsifizierbar betrachtet. Es gibt eine weitere Parallele zu einem anderen österreichischen Philosophen: "Dass die Sonne morgen nicht aufgehen wird, ist ein nicht minder verständlicher Satz und nicht widerspruchsvoller, als die Behauptung, dass sie aufgehen wird", behauptet Hume und unterstreicht Wittgensteins These, dass diese Hypothese keine logische Aussage, sondern eine Ableitung aus der Erfahrung wiedergibt.
Hume schließt: "Alle Denkakte, die Tatsachen betreffen, scheinen sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung zu gründen." Er geht sogar noch weiter und fordert, dass "die Kenntnisse in dieser Beziehung in keinem Falle durch Denkakte a priori gewonnen wir; sondern dass sie ganz und gar aus der Erfahrung stammt".
Hume denkt pragmatisch: Auch wenn wir weder "die Energie der Ursache" des kausalen Prinzips kennen, noch imstande sind "irgendwelche Kraft oder Macht zu begreifen, durch welche die Ursache wirkt" steuert die Erfahrung und die Gewohnheit - "die große Führerin im menschlichen Leben" - unser Handeln, weil wir aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen dürfen.
Ist uns eine Wirkung bekannt, können wir auf die Ursache schließen. Hume warnt aber davor, metaphysisch durch einen reinen Denkakt auf eine Wirkung zu schließen, die nicht durch die Erfahrung bestätigt wird.
Freiheit und Notwendigkeit:
Unter Freiheit versteht Hume die Kraft handeln oder nicht handeln zu können "je nach den Entschließungen des Willens". Den Zufall bezeichnet er als Wortspielerei. Da alles eine Ursache besitzt, fehlt beim Zufall nur die Evidenz.
Zwei Sachverhalte sind notwendig, wenn sie in ständigem Zusammenhang stehen oder wenn sich eine verstandesgemäße Ableitung eines Sachverhalts aus einem anderen ergibt.
Auch das menschliche Handeln beruht auf dem kausalen Prinzip: "Dieselben Beweggründe rufen immer dieselben Handlungen hervor: dieselben Ereignisse folgen aus denselben Ursachen". Hume schränkt aber ein, dass verschiedene Menschen unter gleichen Umständen unterschiedlich Handeln. Verantwortlich dafür sind seiner Meinung nach Charakter, Vorurteile und Meinungen.
Skepsis und Zweifel:
Hume kommt nicht umhin einzuräumen, dass auf die Sinne nicht immer Verlass ist. Gegen den kartesischen Zweifel, der zunächst alles in Frage stellt, wendet er ein, dass dieser dem Menschen im praktischen Leben nicht hilft, weil keine Vernunfttätigkeit uns "je einen Zustand der Sicherheit und Überzeugung über irgend einen Gegenstand verschaffen" kann. Doch Gewissheit ist auch nicht erforderlich, da wir die Sinneswahrnehmung "durch die Vernunft und durch Betrachtrungen richtigstellen müssen".
Gott und Religion:
Wenn man die Kausalkette bis zum ersten Glied zurück verfolgt, trifft man auf den letzten Urheber, den unbewegten Beweger, den Schöpfer des Alls. Hume betrachtet es als ein Zeichen göttlicher Macht, die Kausalkette zwar in Bewegung gesetzt zu haben, dann jedoch nicht mehr in das Geschehen einzugreifen. Nicht nur in diesem Punkt stimmt er mit Epikur überein.
Ketzerisch folgert Hume: Wenn Gott übersehen konnte, welche Wirkungen seine Ursache zeitigen würden, dann "müssen wir also schließen, dass sie entweder nicht verbrecherisch sind, oder dass die Gottheit, nicht der Mensch dafür verantwortlich ist." Doch wie passt diese These zu dem oben beschrieben Sachverhalt, dass menschliches Handeln unter gleichen Umständen unterschiedlich sein kann.
Der Mensch unterliegt einerseits dem Irrglauben, Gott mit menschlichem Maß zu bemessen, andererseits sind die Menschen leichtgläubig und lassen sich gerne durch Wundererzählungen täuschen. Wenn Götter diese Welt erschaffen haben, dann kann sie nur so beschaffen sein, wie sie ist und nicht besser.
Religion und Metaphysik gründen sich auf Glauben und nicht auf den Verstand. Hume bezeichnet sie deshalb als Blendwerk und Täuschung.
Resümee: David Humes Empirismus führt die britische Tradition fort. Ausgangspunkt ist die Sinneswahrnehmung. Das kausale Prinzip gilt für alle Tatsachen. Dennoch ist ein skeptischer Zweifel erlaubt und Verstand, Erfahrung und Gewohnheit bilden ein Korrektiv zur Wahrnehmung. Schlüsse a priori als reiner Denkakt sind nutzlos, weil nicht überprüfbar. Demzufolge steht Hume aller Religion und der Metaphysik kritisch gegenüber. Philosophie darf nicht als Selbstzweck betrieben werden, sondern muss dem Menschen zugute kommen.