In der Absichtslosigkeit erschließt sich uns die Tiefe des Daseins. Nur ein Leben, das kein warumbe" kennt, das um seiner selbst willen gelebt und begehrt wird, ist ein sinnvolles Leben. Diese schlichte, doch zugleich implikationsreiche und folgenschwere Weisheit Meister Eckharts steht am Anfang eines unlängst bei Herder erschienen Bändchens des Philosophischen Praktikers Thomas Polednitschek zu Ehren des spätmittelalterlichen Theologen. Etwas, das gewiss niemals vom Standort eines Dominikanermönches des 14. Jahrhunderts her beabsichtigt werden konnte, bildet hier den Fokus des Nachdenkens: das Gewicht und die aktuelle Dringlichkeit der Eckhartschen Lebenslehren für den Nihilismus unserer Nach-moderne", dessen Kennzeichen der geheimnisleere" Mensch sei.
Wenn auch anlässlich des 750sten Geburtstages des großen Theologen, Mystagogen und Philosophen Eckhart herausgegeben, intendiert das Bändchen also weitaus mehr als eine historische Aufbereitung alter Predigten und Traktate für ein interessiertes Laienpublikum. Ohne es an Sensibilität für die theologische Herkunft der Gedanken Eckharts mangeln zu lassen, macht Polednitschek - selbst Theologe, Philosophischer Praktiker und Psychotherapeut in Personalunion - die Erkenntnisse des Meisters für ein philosophisch angeleitetes Leben in der Gegenwart stark. Eine der zentralen Subbotschaften des Buches ist dabei, dass Subjektmüdigkeit und das Fehlen eines überindividuellen Geistes die Seelen moderner Menschen in maßlose Apathie stürzen lässt und einen Zustand wunschlosen Unglücks" hervorruft, dem mit einem psychotherapeutischen Handwerkskoffer allein nicht mehr beizukommen ist. Wir leiden an einer metaphysischen Resignation", jede weiter reichende Sehnsucht ist zugeschüttet von dem grenzenlosen Bedürfnis zu haben", als Gefangene unserer Subjektivität" kreisen wir sentimentalisch um den Fixstern unseres Ich und sind doch von ausnehmender Gefühllosigkeit und Schmerzunempfindlichkeit. Der Mensch unserer Tage leidet daran, dass er nicht leiden kann", heißt es. Für eine solchermaßen anästhesierte" Subjektivität bieten Eckharts Schriften einen vitalisierenden Nektar, den die Philosophische Praxis, so das Selbstverständnis Polednitscheks, in Honig für die Menschen" zu verwandeln habe. Genau diese Transformation ist das Konzept des Buches.
Man mag sich fragen, warum Polednitschek, um dem unverstandenen Leid der Gegenwart zu begegnen, so tief hineingreift in die Schatztruhe philosophischer Arzneien. Obschon er für sein Anliegen durchaus gegenwartsnähere Denker wie Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Michel Foucault, Jürgen Habermas oder auch den Künstler Joseph Beuys ins Feld führen kann, obschon er vor allem in dem Theologen Johann Baptiste Metz, der sein unmittelbarer Lehrer war, einen Inspirator für die politische Dimension christlicher Nachfolge findet, kommt Eckhart eine Schlüsselstellung zu. Warum? Quer zur zeitgenössischen Tradition stehend denkt der theologische Anthropologe Eckhart außerordentlich groß vom Menschen, indem er in der menschlichen Vernunftfähigkeit das unmittelbare Wirken des Göttlichen erblickt. Vernunft ist der ,Tempel Gottes'. Nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft.", schreibt er. Wir haben es hier also mit einer christlichen Lehre zu tun, in der die menschliche Existenz kein irdisches Jammertal durchschreitet, sondern kraft eines eingeborenen Logos gotterfüllt und edel ist. Mit seiner Vorstellung eines alle Seelen durchtränkenden Logos, in dem Lieben und Denken noch ungeschieden beieinander sind, kann Eckhart als ein früher Aufklärer angesehen werden. Solchermaßen zuversichtlich auf einen der Seele verschmolzenen göttlichen Steuermann bauend, bewirkt seine Lehre einen Autonomisierungsschub, der wahrhaft modern anmutet. Sie wendet sich damit, wie Polednitschek schreibt, von einem elitären" Christentum ab und begründet einen vulgären" Wahrheitsbegriff, wonach prinzipiell jeder Mensch wahrheitsfähig ist.
Doch nicht allein die Aufkündigung eines Wahrheitsprivilegs der Gebildeten macht Eckhart modern. Wesentlicher noch ist die damit verknüpfte Idee einer christlichen Weltverwicklung, die die politische, d.h. alltagspraktisch tätige Dimension christlicher Lebensführung hervorhebt. Eckhart meint hier eine nicht-halbierte" (Metz) Nachfolge, die sich nicht in einer frömmelnden oder kontemplativen Innerlichkeit erschöpft, sondern tatkräftig in die Welt eingreift. Nach Polednitschek steht Eckhart hierbei für eine Vernunft, die nicht auf eine blutleere Rationalität zurückgeschrumpft ist, sondern das Signum ihrer göttlichen Herkunft als Motor der Liebe" noch in sich trägt. Die Entfaltung dieser Vernunft vollzieht die Menschwerdung Gottes, zu Tage tretend in einer Transformation des Subjektes hin zu Erfahrungsoffenheit, Leidempfindlichkeit und aktiver zwischenmenschlicher Wärme.
Radikale Diesseitigkeit und kompromisslose Ausrichtung an einem lebensnahen Geist der Gerechtigkeit machen den theologischen Denker Eckhart für Polednitschek also zum Schirmherrn einer Philosophischen Praxis unserer Zeit. Eckhart bietet die metaphysische Schwerkraft, die uns fehlt, während er zugleich jeden weltfremden, bigotten und selbstgerechten Glaubenseifer meidet, der vielen modernen Menschen das Christentum verdächtig macht. Er steht mithin für eine Vernunft, die Konsequenzen für das Leben hat, also Existenz-mitteilung ist", für eine Vernunft, so können wir mit Polednitschek. weiter ergänzen, die auch der kalten, reduzierten Wissenschaftsmentalität der Gegenwart entgegentritt und damit gewissermaßen die Schablone einer Aufklärungskritik vor der Aufklärung abgibt.
Korrespondierend zu den 21 themenbezogenen Interpretationen des Herausgebers bietet das vorliegende Bändchen seinem Leser 21 Originaltextauszüge aus den Schriften Eckharts zur weiterführenden Lektüre und vertiefenden Prüfung an. Damit öffnet Polednitschek den mit Eckhart geführten Dialog auf den Leser hin. Er spielt ihm einen Traditionsfaden zu, der es erlaubt, ohne Geschichtsblindheit, wenigstens einmal versuchsweise an eine ferne und fremde Vergangenheit anzuknüpfen. Man mag daran zweifeln, ob der ichzentrierte leichtgewichtige Phänotyp der Gegenwart seiner metaphysischen Schwerelosigkeit noch gewahr zu werden vermag, ob er Meister Eckhart studieren wird, um zu begreifen, was es bedeutet, die Mitte seiner Wahrheit" nicht in sich selbst zu suchen, sondern im kulturell und gesellschaftlich vermittelte(n) Allgemeinen, an dem das Besondere partizipiert." Doch ungeachtet solcher Bedenken, gewinnt gemessen an der anthropologischen Schnittvorlage eines Meister Eckhart die Krankheit einer reine(n) Bedürfnisgesellschaft" Kontur, eine Krankheit, für die auch eine Vielzahl psychotherapeutischer Therapieschulen und -formen keinen Diagnoseschlüssel zu besitzen scheint. Denn, so die leuchtende Kernaussage des Bändchens: Metaphysische Totalabstinenz, der Stolz des modernen freiheitsliebenden Menschen, generiert Resignation und senkt den Wärmecharakter" des Denkens auf Null. Es ist das Vertrauen auf jene allem Offensichtlichen und Empirischen vorgängige Vernunftwurzel, auf jenen göttlichen" Logos, der allein das liebende Band von Mensch zu Mensch zu knüpfen und in der Selbsttranszendenz die Beklemmung der Seele nachhaltig zu lösen vermag.