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Produktinformation
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Konrad Paul Liessmann über ein
ungeschriebenes Werk Nietzsches
Die Sache klingt in der Tat interessant. In den nachgelassenen Fragmenten Friedrich Nietzsches 1885/86 findet sich folgende Notiz eines Werktitels: «Der Spiegel. Philosophie des verbotenen Wissens». Zur Ausführung des Projekts kam es zwar nicht. Doch reichen imaginierter Titel wie imaginärer Autor durchaus, die Phantasie anzuregen. Mag der Topos des «Spiegels» eher konventioneller, wenngleich assoziationsreicher Natur sein die Rede von einer «Philosophie des verbotenen Wissens» ist von grosser Attraktivität. Man glaubt Konrad Paul Liessmann jedenfalls gern, dass er sich, seitdem er eher zufällig auf Nietzsches Notiz stiess, davon faszinieren liess. Herausgekommen ist der kühne Versuch, ein Buch über ein Buch zu schreiben, das nie geschrieben wurde. Dass das geschriebene Buch sich dabei nicht in haltlosen Spekulationen verliert, liegt an zweierlei: zum einen an der detaillierten Kenntnis nietzscheschen Denkens, zu dem der Autor in Tuchfühlung bleibt; zum anderen an der Bezugnahme auf die philosophische Tradition, in der sich exemplarisch die im Gestus von Abwehr und Verneinung betriebenen Reflexionen über jenes verbotene Wissen recherchieren lassen, das bei Nietzsche schliesslich explizit wird.
Verbote haben manchmal ihren guten Sinn. Das war Nietzsches Problem. Bereits die zu seinen Lebzeiten unveröffentlichte Schrift «Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne» von 1872/73 birgt, worauf Liessmann zu Recht hinweist, das Dilemma in nuce: Menschliches Dasein, ob das des Einzelnen, ob das der Gattung als solcher, ist nicht möglich, ohne dass es sich über seine wahren Motive und Antriebskräfte im Unklaren ist. Ohne Lüge, Illusion und Täuschung hat es keinen Bestand. Unwahrheit ist seine existenznotwendige Voraussetzung. Das Wissen darum macht vorab nicht frei. Moral, gegen die Nietzsche mit den Mitteln genealogischer Kritik anfocht, hat dergestalt weniger einen handlungsorientierenden Sinn, als dass sie vor jenem Wissen schützen soll, das notwendig die metaphysischen Fundamente abendländischer Zivilität ruiniert. Verbotenes Wissen, so Liessmann, sei das Apriori der Moral. «Moralische Normen funktionieren nur, weil darauf verzichtet wird zu wissen, wie diese Normen entstanden sind, was sie eigentlich bedeuten, wem sie nützen.»
Nietzsches Denken aber zielte mitnichten auf die blosse Umkehrung moralischer Wertmassstäbe. Die berühmte, berüchtigte «Umwerthung der Werthe» wollte das verbotene Wissen als Grund und Abgrund der grossen abendländischen Ideale selbst ausmachen, nicht diese durch jenes ersetzen. Also wäre, wie Liessmann mit erkennbar hegelschem Zungenschlag notiert, die Wahrheit der Wahrheit die Unwahrheit, die des Guten das Böse, die des Schönen das Unschöne. Womit die Trias schon benannt ist, die den Aufbau des Buches als Ganzes dirigiert. Einer «Theorie der Unwahrheit» folgen die «Ästhetik des Unschönen» und schliesslich eine «Ethik des Bösen» auf dem Fusse. Im Durchgang durch diese unheilige Dreifaltigkeit aber beginnt die Frage zu keimen und das wäre das nicht geringe Verdienst von Liessmanns Studie , ob die schockierende Enthüllung des lebensnotwendigen Trugs menschlicher Existenz nicht zuletzt auf eine Art Läuterung aus ist: auf das Vermögen, den Schein als Wahrheit selbst anzuerkennen. «Erst nachdem wir Alles als Lüge, Schein erkannt haben», schreibt Nietzsche im Herbst 1887, «haben wir auch die Erlaubniss wieder zu dieser schönsten Falschheit, der der Tugend, erhalten.»
Michael Mayer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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