In diesem zu unrecht vergessenem Klassiker finden Freunde indischer Geistigkeit eine profunde Einführung durch einen deutschen Indologen, der zuletzt in New York einen Lehrstuhl innnehatte. Wer sich beispielsweise zur (hoch umstrittenen) arischen Invasion Indiens, bzw. der (ebenso umstrittenen) Unterscheidung zwischen nordindischer arischer und südindischer drawidischer Kultur oder zum Unterschied zwischen orthodoxen (d. h. die Autorität der Veden akzeptierenden) oder heterodoxen Lehren (Buddhismus und Jainismus, die sie ablehnen) informieren will, wird hier höchst lesenswert bedient.
Dass es sich ursprünglich um Vorlesungen handelte, hat der Lebendigkeit der Darstellung gut getan. So ist es etwa amüsant zu erfahren, dass die Gewaltlosigkeit der Jains soweit gehen kann, dass man ein Bett mit Flöhen unbehelligt lässt und durch die Gegend trägt. Hoch spannend die Bezüge zum Westen, wie der Einfluss der (auf die?) Gnosis, die Folgen des Alexanderzugs und der atemberaubende Vergleich zwischen (rechtshändigem) Tantra und Katholizismus.
Heinrich Zimmer war kein bloßer Theoretiker, sondern auch Schüler des "Weisen vom Arunachala" Ramana Maharshi, dem wichtigsten Vertreter des Advaita Vedanta (der Lehre von der Nicht-Zweiheit, also ein Monismus, das "Ende der Veden") im 20. Jahrhundert, den er tragischer Weise nie getroffen hat.
Yogi(ni)s können die Einbindung ihrer Lehre in die sechs klassischen orthodoxen philosophischen Systeme als Dualismus (purusha-prakriti, also Geist und Natur) und das wenig bekannte Schwestersystem des Samkya (eine psychologische Erkenntnistheorie) anschaulich nachvollziehen. Ein Wissen, von dem ich behaupte, dass es vielen YogalehrerInnen so oft nicht geläufig ist. Grund genug, etwaige Bildungslücken mit viel Lesespass zu schliessen! Weshalb Suhrkamp ein solches Buch aus dem Programm nimmt, ist mir ein echtes Rätsel.