Gottfried Wilhelm Leibniz zählt zu den großen Gelehrten Deutschlands, ja sogar Europas, wenn nicht gar der ganzen Welt. Was soll man an diesem Universalwissenschaftler (Sloterdijk nennt ihn einen "geistigen Polyathleten") besonders hervorheben? Die Mathematik verdankt ihm (und Newton) die Infinitesimalrechnung, der Theologie steuerte er mit seiner Theodizee Argumente für die Existenz Gottes bei, die Philosophen diskutieren seine Monadologie. Er studierte Jurisprudenz und Philosophie. Den Fürsten und Herrschern in ganz Europa diente er als Hof- und Justizrat. Er vermittelte in Kirchenstreits, forschte als Historiker und leitete die Wolfenbütteler Bibliothek.
Wie nähert man dem vielschichtigen Werk eines derart quirligen Tausendsassas? Thomas Leinkauf ist es gelungen, aus dem umfangreichen Oeuvre eine Auswahl an theologischen und philosophischen Schriften zusammenzustellen, die dem interessierten Leser einen profunden Überblick vermitteln und den Zugang zu den zuweilen recht komplexem Gedankenmodellen vereinfachen.
Gott
In den 1686 veröffentlichten ,Metaphysischen Abhandlungen' finden wir Leibniz Theologie: "Gott (ist) ein absolut vollkommenes Wesen". Gottes Wissen ist widerspruchsfrei, seine Allmacht ist grenzenlos. "Daraus wiederum folgt, dass Gott, der im Besitz der höchsten und grenzenlosen Weisheit ist, in der vollkommensten Weise handelt, nicht nur im metaphysischen, sondern auch im moralischen Sinne, und das kann man, auf uns bezogen, auch so ausdrücken, dass man mit zunehmender Aufklärung und Einsicht in die Werke Gottes immer geneigter sein wird, sie vortrefflich und allem überhaupt Wünschbaren völlig gemäß zu finden". Jahre später ergänzt Leibniz, dass "selbst bei der Annahme der Ewigkeit der Welt einem letzten außerweltlichen Grunde der Dinge oder Gott" nicht entgangen werden könne. Die theologischen Schlüsse entheben sich den logischen Widersprüchen.
Theodizee (Gottesbeweis)
Gott ist der erste Grund der Dinge, der alle Möglichkeiten der Welt in sich trägt und daher "notwendig und ewig ist". Für Leibniz gibt es eine Art "göttliche Mathematik", auf Grund derer "aus den unendlich vielen Verbindungen des Möglichen ... diejenige existiert, durch die das meiste an Wesenheit oder Möglichkeit zum Dasein gebracht wird." Da alles mit allem verknüpft ist, schließt Leibniz, dass es nur einen Lenker geben kann: "Das ist in wenigen Worten der Beweis für einen einzigen Gott mit seinen Vollkommenheiten und des Ursprungs der Dinge durch ihn."
Seele und Monade
Die Seele ist eine unteilbare Kraft, die untrennbar mit einer Monade verbunden ist. Unter Monade versteht Leibniz die kleinste körperliche Einheit. Das verblüfft, da Leibniz in einem Brief an Varignon erklärt, dass die Atomtheorie fehlerhaft sei, da "die Materie in Wirklichkeit endlos teilbar ist". Da Monaden weder entstehen noch vergehen, sind Geburt und Tod nur Übergangsformen im Gestaltwandel der Monaden. Die Nähe zu den pantheistischen Systemen ist unverkennbar. "Es ist eine der Regeln meines Systems der allgemeinen Harmonie, dass die Gegenwart die Zukunft in ihrem Schoß trägt."
Prästabilierte Harmonie
Das Christentum war seit Anbeginn dem Vorwurf ausgesetzt, dass Gott die Sünde geschaffen habe und damit die Menschheit, ob schuldig oder nicht, bestrafe. Die Rechtfertigung der Erbsünde in der Bibel wurde von einer aufgeklärten Bevölkerung nicht mehr akzeptiert. Leibniz findet eine Erklärung, welche Gott entlastet: Gott hat die Sünde nicht geschaffen, aber er lässt sie zu. Man kann die Schöpfung nur in ihrer Gesamtheit würdigen. Da es dem Menschen nicht vergönnt ist, Gottes Plan zu kennen, muss er anerkennen, dass ein himmlischer, vorbestimmter Gleichklang existiert, der zusammenbrechen würde, wenn auch nur eine Kleinigkeit - und sei es die Sünde - fehlen würde. Leibniz bezeichnet dies als prästabilierte Harmonie. Ich halte es dennoch für zynisch, die Gräuel der Menschheit einer göttlichen Harmonie zuzuschreiben.
Freier Wille
Widerspricht die prästabilierte Harmonie der Freiheit des Individuums? Nein, lautet die Antwort von Leibniz. Spitzfindig trennt der Gelehrte zwischen Gewissheit und Notwendigkeit. Die mechanischen Gesetze der Wissenschaft folgen dem Ursache-Wirkung Prinzip, die göttlichen Gesetze erlauben die Wahl zwischen Alternativen, wenngleich Gott in seiner weisen Voraussicht weiß, welchen Weg der Einzelne wählt. Kann man aber von wirklicher Freiheit reden, wenn das Schicksal des Menschen vorbestimmt ist?
Glück
In dem Werk ,Von der Glückseligkeit' befasst sich Leibniz mit dem Begriff des Glücks. Angelehnt an den großen Kirchenvater Augustinus schließt Leibniz, dass wirkliches Glück nur im Geiste möglich ist: "Weisheit ist nichts anderes als die Wissenschaft der Glückseligkeit ... Die Glückseligkeit ist der Stand einer beständigen Freude. Freude ist die Einnehmung des Gemüts mit angenehmen Gedanken." Freude empfindet der Geist, wenn er "die Schönheit und Ordnung der Werke Gottes" versteht. Nur die Freude, die der "Vernunft entspringet" führt zur Glückseligkeit.
Kontinuität
In der Schrift ,Ein allgemeines Prinzip, das nicht nur in der Mathematik, sondern auch in der Physik von Nutzen ist' formuliert Leibniz den Grundsatz: "Einer Ordnung im Gegebenen entspricht eine Ordnung im Gesuchten". Aus mathematischen Betrachtungen leitet er den Grundsatz ab, dass an einfachen Dingen keine sprunghaften Änderungen stattfinden und kleine Änderungen auch kleine Wirkungen hervorrufen. Nur zusammengesetzte Körper können von dieser Regel abweichen. Die Ruhe stellt demzufolge den Grenzfall der Geschwindigkeit dar und die Gerade den Spezialfall des unendlich großen Kreises.
Sowohl dem Prinzip der Harmonie als auch dem Prinzip der Kontinuität würde es nach Leibniz Urteil widersprechen, wenn die Welt, die "bewundernswürdigste Maschine", sich selbst zerstören könnte. Hoffen wir mit Leibniz, dass diese Erwartung nicht täuscht und die bewohnte Welt nur den Spezialfall des unbelebten Universums darstellt!